
Hier meine Übersetzungen der marokkanischen Reiseberichte meines abenteuerlichen Vaters, Olav Lundgren, der nach seiner Penisionierung als Klarinettist im Norwegischen Rundfunkorchester für ein ganzes Winterhalbjahr nach Marokko reiste, um zu malen (und ein “Schloß” zu kaufen), und am Ende eine 22-jährige Berberin heiratete.

1. Von Tanger nach Casablanca
Gruppenreisen kann ich nicht ausstehen. Lieber würde ich gar nicht reisen als in einer Gruppe. Da bin ich genauso vorurteilsbelastet und engstirnig wie all die Leute, die behaupten, sie hassen die Oper. Natürlich waren sie noch nie in der Oper, aber sie sind sich jedenfalls sicher, daß sie sie hassen würden, wenn sie dort wären.
Oper habe ich viele Jahre lang gespielt und mich über dieses häufige Kommentar oft geärgert. Jetzt bin ich Pensionist, brauche endlich nicht mehr Klarinette zu spielen und will nach Afrika. Am besten ganz alleine. Ich möchte in meinem eigenen Auto fahren. Und ich will mir ein Schloß kaufen, eine sogenannte Kasbah. Ich weiß auch schon genau, welche. Sie liegt im Tal Dades hoch im Atlasgebirge. Das Tal ist genauso lang und schön wie der Sognefjord, wo ich herstamme.
Im Norwegischen Rundfunkorchester in Oslo hatte ich einen marokkanischen Freund, Rachid. Er hat einen Abschluß in Arabischer Literatur von der Universität Marrakesch. Außer Arabisch spricht er ausgezeichnet Französisch, Englisch und Norwegisch. Das hat ihm einen Job als Podiumsinspizient im Norwegischen Rundfunkorchester eingebracht, nach einem kurzen Intermezzo als Autowäscher am Parkplatz des Osloer Rundfunkgebäudes. Diesen Job wiederum hatte er bekommen, weil er außerdem über eine imponierende Sammlung diversester Führerscheine verfügt: leichtes und schweres Motorrad, selbstverständlich B- und C-Führerschein aber auch Bus und Minibus, Lastwagen, Stapler und Wagenzug; kurz alles, was einem an Führerscheinen nur in den Sinn kommen kann. Rachid ist extrem fleißig und auffallend zuvorkommend. Aufgrund seiner arabischen Erziehung kann er -um Hilfe gefragt- niemals nein sagen, was ihm schon mehr als ein Problem bereitet hat.
Als ich ihn in Marokko treffe bin ich verblüfft darüber, eine ganz andere Seite von ihm zu sehen: Hier ist er der große erfolgreiche Mann, der von Geschäftsreisen im Ausland stolz, reich und in sich ruhend zurückgekehrt ist, und der an riesigen Zigarren pafft. Bei uns in Norwegen hat man ihn eher als eine nicht ganz ernstzunehmende Kuriosität betrachtet. Eine kleine, hantige aber hübsche Umweltschützerin hat ihn in seinem eigenen Büro tyrannisiert und ihn immer gezwungen, seine Zigarren auszudämpfen, da ihrer Meinung nach der Rauch durch die nicht hundertprozentig luftdichten Türritzen auf den Gang durchdringe und die Vorbeigehenden belästige.
Naja, genug davon. Rachid war es jedenfalls, der ursprünglich mein Interesse an der arabischen Welt und dem arabischen Volk geweckt hat. Aber tatsächlich ist es nicht das erste Mal, daß ich Marokko besuche: Ich war schon einmal dort. Mit einer Reisegruppe. Und tatsächlich hat das entgegen meiner Vorurteile eine Menge Spaß gemacht. Die Gruppenreise wurde organisiert Tom Hatlestad, einem in meiner Heimatgemeinde Höyanger bekannten Globetrotter. Tom war bereits lange Jahre der Assistent von unserem lokalen Starfotograf Morten Krogvold. Unser Plan war es, die Berber-Architektur zu zeichnen und zu fotographieren: die Burgen und Festungen aus gestampfter Erde. Wir erlebten eine Landschaft und ein faszinierendes Volk, das ich nicht mehr vergessen sollte.
Ich komme gerade von der Autofähre aus Gibraltar und gehe in Tanger an Land. Ich bekomme ein automatisches Turistenvisum für drei Monate ausgestellt. Ein jovial aussehender Araber mit einer Strickmütze und Bartstoppeln kommt zu meinem Auto und fragt, ob ich etwas zu verzollen habe. Vier Flaschen Glühwein, zwei Kartons Zigaretten, Parfum und Schokolade. Als Geschenke. -”Das ist nichts”, sagt er, “Woher kommst du?”, -”Aus Norwegen”, -”Ah, Holmekollen Hotell”, sagt er und zwinkert mir gerissen zu. Dann schlendert er zu den Zollbeamten und wechselt ein paar Worte mit ihnen. -”Du kannst weiterfahren”, sagt er. -”Hast du etwas für mich?” Ich überreiche ihm drei Euro und er grinst und winkt mich vergnügt weiter. Rachid rügt mich später. “Das war billig von dir”, sagt er. “Der arme Mann ist arbeitslos. Er arbeitet am Zoll ohne Lohn. Von deinen drei Euro muß er zwei an die Leute vom Zoll abgeben.” Ja, was weiß ein Nordmann schon von Afrika!!
Ich fahre durch Tanger, das jetzt voll ist von Polizei, Militär und Gendarmerie.
Der Spanische König kommt heute auf Staatsbesuch. Er hat offiziell ausgesagt, daß es keine Marokkaner waren, die den Terroranschlag auf die U-Bahnstation in Madrid verübt haben. Alle hundert Meter stehen schwer bewaffneten Wachen mit dem Rücken zur Straße und spähen in die Landschaft. So geht das den ganzen Weg bis zur Hauptstadt Rabat, zwei Fahrstunden entfernt.
Der afrikanische Himmel ist hoch und weiß. Es ist knapp nach Sonnenaufgang und ich sehe die ersten Frühlingsblumen. Die Wachen sehen bestimmt keine Blumen. Sie würden auch eventuelle Terroristen nicht sehen. Sie stehen nur, wo sie stehen, weil man es ihnen befohlen hat.
Wie ein Mantra höre ich es in mir raunen: Der große afrikanische Himmel. Jedes Mal, wenn ich nach Afrika komme, höre ich diese Worte vor meinem inneren Ohr und werde sie nicht mehr los. Zu Hause in Sogn ist es so eng durch die steil aufragenden Felswände der Fjordmündung, daß wir vom Himmel immer nur einen kleinen Ausschnitt sehen. Nie sehen wir den richtigen Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang, also den Moment, wenn die Sonnen über den Horizont gleitet. Hier frage ich mich, was mich hinter dem Horizont erwartet. Das Auto segelt unbeschwert dahin und ich bin im Moment der Einzige auf der Autobahn nach Casablanca.
Wozu um Himmels Willen braucht man dieses Aufgebot an Wachen entlang der Straße?
Als der junge König, Mohammed der 6.te an die Macht kam, wollte er Marokko liberalisieren. Vielleicht war es dehalb so leicht, seine Leibwache mit einer Gruppe zu infiltrieren, die den König ermorden sollten. Am Attentatstag lief alles nach Plan und die Attentäter standen letztendlich ungehindert mit den Waffen im Anschlag in der Kammer des Königs, bereit abzudrücken. Mohammed der 6.te stand ruhig auf, ging ihnen furchtlos entgegen und zitierte aus dem Koran den Vers: “Gott sieht euch.” Da legten sie ihre Waffen nieder. So hat man es mir erzählt. Der König spricht mit den Worten Gottes, ist mutig und schlagfertig. Die Attentäter waren letztendlich Schwächlinge.
Der König aber hatte begriffen, daß er bisher zu lax gewesen war und führte strengere Regeln und Gesetze ein. Das Resultat sehe ich hier entlang der Straße stehen.

2. Abraham, der Vater des Glaubens und das Opferfest
Auf der Straße weiter nach Casablanca gehen Leute, die Schafe an einem Seil führen. Ein kleiner Junge läuft direkt vor meinem Auto über die Straße. Er trägt ein Lämmchen auf den Armen und läßt sich nicht davon beeindrucken, daß ich 120 fahre, die höchste zugelassene Geschwindigkeit. Überall am Straßenland stehen Gruppen von Menschen. Sie versuchen Autos zu stoppen. Viele mit einem Schaf im Schlepptau. Ich stelle mir gerade vor, wie das aussehen würde, wenn jemand auf einer -sagen wir- deutschen Autobahn mit einem Schaf autostoppen würde….
Noch weiß ich nicht, daß der Grund für das hohe Schafaufkommen das nahende Opferfest ist. Aid el kbir steht bevor, das größte Fest im Islam. In Erinnerung an den großen Stammvater Abraham, den Vater des Glaubens, der sich im Auftrag Gottes anschickte, seinen eigenen Sohn, Isaak, zu opfern. Aber Gott hatte ihm doch versprochen, daß er Stammvater eines riesigen Volkes werden sollte. Das wäre wohl etwas schwierig geworden, wenn er seinen einzigen Sohn tatsächlich geopfert hätte. Trotzdem befolgt Abraham Gottes Anweisung und schafft es gleichzeitig, nicht an Gottes Versprechungen zu zweifeln.
Im Buch “Begrepet Angst” (Der Begriff Angst) nimmt sich der berühmteste Philosoph Skandinaviens, Sören Kierkegaard, dieses Themas an: Wie kann man es fertig bringen, das Opfermesser über sein eigenes Kind zu schwingen, wohl wissend daß die eigene Frau, Sarah, aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters keine weiteren Kinder mehr gebären wird. Was wird dann aus Gottes Versprechen, der Stammvater eines riesigen Volkes zu werden? Kierkegaard beweist in einer subtilen Analyse, daß es wohl möglich ist, wenn man dem Allmächtigen nur ganz und gar vertraut…
Für uns Europäer ist es manchmal schwierig, dieser etwas absurden Logik zu folgen- Für die Araber scheinen widersprüchliche Tatsachen kein Problem zu sein. Für sie ist Abraham der Größte unter den Propheten. Einst wohnte er in Ur, in Chaldäa, dem Land das heute Irak heißt, und in dem das Volk böse auf Präsident Bush ist. Abraham ist auch der Stammvater der Araber und wird von ihnen als größer angesehen als zum Beispiel Moses, Jesus oder Mohammed.
Oster 2004 durfte ich bei Rachids Familie verbringen. Seine entzückende 12-jährige Tochter Sarah brachte mir ein paar arabische Buchstaben und eine Handvoll Worte bei.
Pausenlos lief der Fernseher. Plötzlich fragt mich Sarah, wer denn der alte Mann mit der Mütze im Fernsehen sei. “Das ist der Pabst”, erkläre ich, “Gottes Stellvertreter auf Erden.” – “Wo zu braucht denn Gott einen Stellvertreter? Er ist doch selber allgegenwärtig”, fragt sich mich skeptisch.
-”Nun, der Pabst hat die Schlüssel zu den Toren zum Paradis”, versuche ich flapsig-schlau zu antworten. Ich weiß, Sarah will mich keineswegs provozieren. Sie schweigt eine Weile. “Und wer ist dann der nackige Mann mit den weggestreckten Armen, der so krank aussieht?”
-”Das ist Jesus, Gottes Sohn.” Jetzt wird es ihr aber zu wild.
-”Gott hat keinen Sohn”, sagt sie mit großer Autorität. “Er hat keine Frau und keine Familie. Allah akhbar, Gott ist groß, er braucht so etwas nicht.”
Plötzlich geht mir ein Licht auf, warum Kaiphas seinen Mantel in Stücke riß, als Jesus sagte: “Ich bin Gottes Sohn.” Schiere Gotteslästerung in den Augen des Obersten Priesters! Gott ging doch nicht herum und schuf kleine Halbgötter wie der Zeus der Griechen. Dabei war Zeus auch noch verheiratet und trieb sich trotzdem mit den zwielichtigsten Schönheiten des Altertums herum! Was ihm nicht mit Charme und Überredungskunst gelingen wollte, löste er mit Gewalt oder Betrug und Zauberei. Er nahm Tiergestalten an und verführte die Objekte seiner Begierde als Stier, wie die junge Europa, als Goldfluß, als Nebelschleier, usw. Der bekannteste der so entstandenen Söhne dieses dreisten Betrügers und Ehebrechers schlimmsten Formats ist wohl Herkules.
Sollte etwa Jesus auf eine ähnliche Art entstanden sein, noch dazu unter Mithilfe des Erzengels Gabriel, der die 12-jährige Jungfrau Maria mit einer weißen Lilie in ihrem einsamen Kämmerchen aufsuchte und sie schwanger zurückließ?
Ein grauenhaft gotteslästerlicher Gedanke!
“Aber nein, Jesus wurde doch durch die unbefleckte Empfängnis inkarniert!” stammle ich. “Was soll das sein?” Ich versuche, Sarah das Wunder der Unbefleckten Empfängnis näherzubringen. Ähm, also Gott hat natürlich nicht… also.. Sarah sieht mich unschuldigst an. Weiß sie eigentlich, was eine Jungfrau ist?? Ich sehe ein, daß das hier nicht funktionieren wird.
“Jemand wird dir das genau erklären, wenn du ein wenig älter bist”, ziehe ich mich altklug aus der Affäre. Und- merkwürdigerweise ist sie mit dieser Erklärung vollkommen zufrieden.
Rachid steht im Hintergrund, lächelt verschmitzt und und fragt: “Du weißt hoffentlich, daß Jesus gar kein Christ war.” -” Ja, selbstverständlich war Jesus Christ!” -”Aber nein, er war ein Jude. Dafür war Mohammed ein Christ.” lächelt er. “Jetzt hörst du aber mit diesem Unsinn auf”, schnappe ich zurück. -”Aber es ist wahr: Mohammed kam auf seinen langen Handelsreisen in Syrien in Kontakt mit Christen. Er hörte die Lehre von dem einzigen Gott und wurde ein Christ. Und Abraham war übrigens kein Jude, sondern Araber und der Stammvater aller Araber. Und Martin Luther war natürlich ein Katholik.”
Armer fehlgeleiteter Mensch, denke ich mir. Nur wer von uns beiden eigentlich?
Dies ist das dritte Kapitel aus den marokkanischen Reiseberichten meines Vaters. Das erste und zweite findet man -da die Artikel in einem Blog eben immer nach unten weiterrutschen- weiter unten. Oder chronologisch bei den Seiten rechts oben unter “Marokkanische Tage”.

3. Auf Schlachtopfer-Kauf
Wir befinden uns also knapp vor dem größten Fest des Islam, Aid el Kebir, das große Schlachtopferfest zu Ehren von Stammvater Abrahem und das stellvertretende Opfertier, das Gott ihm schickte, als er sah, daß Abraham tatsächlich willig gewesen wäre, seinen Sohn zu opfern. Solche Schlachtopfer-Feste kennen wir schon von den minoischen Mysterienopfern des Altertums. Die Opfermotive finden sich natürlich auch in Leiden und Tod von Jesus am Kreuz von Golgata wieder. Und manche Völker lieben ja noch immer so archaische Spektakel wie den Stierkampf- zivilisierte Länder wie Spanien, Frankreich und Mexiko.
Das Blut des unschuldigen Opfers wird vergossen, um diejenigen zu erlösen, die am Opfer teilnehmen. Im alten Ägypten erfüllte denselben Zweck durch Aufbringen des Opferblutes an den Türstöcken. Dann mußte der Todesengel an diesem Haus vorüberfliegen. Die Juden nennen das Passover. In Skandinavien heißt es “Paaske”, Ostern, und das Blut Jesus, des Lammes Gottes, wird für uns und unsere Sünden vergossen.
Die minoischen Priester spritzten Blut über die Versammlung als Schutz vor dem Bösen. Wir Christen trinken das Blut in der Kommunion. Tatsächlich haben sich im Laufe der Jahrhunderte erbitterte ernsthafte Diskussionen unter den Theologen entsponnen, ob nun die Worte der Kommunion: Hoc est corpus, das ist der Körper, tatsächlich die Hostie in Fleisch und und den Wein in Blut verwandeln -komplett mit richtiger Blutgruppe und allem Drum und Dran- oder ob es sich hier nur um eine bildliche Allegorie handelt.
Wir werden diese Diskussion lieber nicht streifen, aber das Hokuspokus der Zauberkünstler hat als Verwandlungsformel bis zum heutigen Tag überlebt. Mit denselben Worten verwandelt ein moderner Magier sein Seidentaschentücher in Taube. Dieselben Blutriten überleben Jahrtausende in nur leicht abgewandelter Form. Früher, wenn man in Marokko ein neues Haus aus gestampfter Erde bauen wollte, mußte man zuvor ein Schaf schlachten. Das Blut wurde über das Grundstück gespritzt, um es zu segnen und Unglück abzuwenden. Mit diesem Hausbau-Ritual hat man heute aufgehört.
Heute baut man ja auch Betonkästen mit Parabolantennen, um Pornokanäle zu empfangen. Jedenfalls machen das die Jungen so. Sie betrachten Marokko als ein Gefängnis, aus dem es entkommen gilt. Sie arbeiten in Europa, wenn sie können, und bringen Geld mit nach hause. Die Betonklötze brauchen keinen Wohlwollen durch Opferblut, denn sie sind gesegnet durch die moderne Technologie.
Aber das Blut in der Stierkampfarena darf im Moment noch frei fließen. Das ist wahrscheinlich das letzte wahrhaftige Überbleibsel aus den minoisch-heidnischen Mysterienreligionen.
Mein früherer Arbeitskollege Rachid ist auf dem Weg, ein Schlachtopfer zu kaufen. Er hat genug Geld, also soll es ein nicht einfach irgendein Schaf sein, sondern ein sogar eine junge Kuh. Nur die Reichsten hier haben genug Geld für ein solches Opfer. Die Ärmsten kaufen die alten zähen Tiere und bekommen davon Durchfall.
Ich fahre mit Rachid weit ins Land hinaus zu einem Bauernhof, wo man uns zum Mittagessen einlädt. Die Männer essen, rauchen und trinken Tee. Was sie vom Essen übriglassen dürfen die Frauen zu sich mitnehmen. Dann holen sie eine Kuh, die von allen bewundert und wertgeschätzt wird. Der Großvater ähneltdem Imperator aus “Star Wars”: Er trägt einem Mantel samt Kapuze, in der sein grauschwarzes, zerfurchtes Gesicht im Schatten verschwindet. Einen solchen Mantel brauche ich auch unbedingt! Ich möchte gerne ein paar Fotos von dem uralten zahnlosen Gesicht machen, das gar nicht afrikanisch aussieht und eine unglaubliche selbstverständliche Autorität ausstrahlt.
Rachid sagt nein, das geht nicht. Ich tröste mich damit, daß ich den Mann kennenlernen durfte, der für den Imperator in “Star Wars” Modell gestanden hat. Dieser nimmt inzwischen 7500 Dirham für die Kuh entgegen.
Die Kuh kommt auf einen Anhänger und der Schlachtbursche, der uns begleitet, führt ein paar gekonnte Seiltricks beim Fesseln vor, springt der Kuh mit einem Fuß in den Magen und das Tier liegt still und stöhnend. Ich glaube, es geht ihm nicht mehr besonders gut. Wir fahren los, aber Rachid wird nervös und dreht sich nach der Kuh um. Blut rinnt ihr aus dem Maul und sie stöhnt ziemlich schlimm. Der Bursche hätte sie noch nicht in den Magen treten dürfen- diesen Trick zum Ruhigstellen verwendet man eigentlich erst, bevor man den Hals durchtrennt, aber nicht vor dem Transport.
Als kleiner Junge habe ich manchmal zugeschaut, als der Schlachter, den wir “Styggemannen” nannten, Kälber schlachtete. Auch er hatte einige Tricks zum Ruhigstellen der Tiere. Keiner davon soll hier verraten werden. Aber alle seine Tricks wendete er vor dem Transport an, also kannte ich diese eine solche Behandlung schon aus meiner Jugend. Nur- wenn das Tier natürlich schon auf dem Transport stirbt, dann ist es natürlich unbrauchbar als Opfertier und muß vernichtet werden. Wir fahren noch ein Stück, aber der Stress wird unaushaltbar- wenn schon nicht für die arme Kuh, so doch für Rachid. Er holt das Tier vom Anhänger, bindet ein Seil um dessen Hals und der Schlachtbursche beginnt, es den langen Weg zur Stadt am Seil zu führen. Ich kann mir nicht vorstellen, wie er die Kuh die schmalen steilen Treppen zu den Terassen auf der dritten Etage hinaufbringen möchte.
Als wir uns dort wiedertreffen sagt Rachid: “Alles Stoßen und Ziehen hat gar überhaupt nichts geholfen. Aber als der Schlachtbursche dann den letzten Schwanzwirbel knickte- da hättest du sehen sollen, wie die Kuh da über die Stiegen sprang.”
Jetzt steht sie also oben auf dem Dach, glücklich und zufrieden, und wartet darauf, geopfert zu werden.
An allen Straßenecken stehen Messerschleifer mit handbetriebenen Schleifscheiben und langen , frischgeschliffenen Messern, hübsch ordentlich auf schwarzen Tüchern entlang der Gehsteigkante aufgereiht. Der Koran besteht auf frischgeschliffenen Messern in jedem Haus. Die Kehle muß schließlich in einem Schnitt bis zum Rückgrat durchtrennt werden. Einige junge Burschen kämpfen mit einem widerspenstigen Bock. Eine Traube Kinder wandert mit einem alten Schaf durch die Straßen, ganz gesittet und ordentlich. Alle werden sie bald Durchfall bekommen. In meiner Fantasie sehe ich es schon jetzt an ihrer Gangart. (Vielleicht ist das nur eine optische Täuschung, weil sie so arm und verzwickt aussehen. Oder sie schämen sich so, daß sie nicht genug Geld für einen Bock hatten)
Ich sehe niemanden mit einer jungen Kuh. Rachid hat als einziger genug Geld, hier.

4. Das Opferfest
Früh am Morgen am 22.ten Februar soll das Opferfest beginnen, und ich gehe mit auf die Dachterasse.
Dort oben residieren ein Hahn und ein Huhn. Dieses Huhn hat den häßlichsten Kopf, den ich je an einem lebenden Wesen gesehen habe: Türkis mit dunkelblauen Federstoppeln. Lange spitze Wimpern und blutrote Hautlappen, die von den Augen herab über den Schbabel hängen, runden den Eindruck ab. Es betrachtet mich mit haßerfülltem Blick und startet eine beeindruckende Schimpftirade in einer Sprache, die mir neu ist aber ein wenig an Arabisch erinnert. Dieses Huhn würde mich sofort umbringen, wenn es könnte und ein wenig größer wäre. Zum Glück ist es sicher eingesperrt, Insch Allah! Mein inneres Ich hofft insgeheim, daß dieses Huhn nicht mein Frühstücksei gelegt hat!
-”Das ist unser Wachhuhn”, sagt Rachid, “es legt keine Eier, aber es bewacht das Haus.” Insch Allah!!!
“Es warnt bei Einbruch und schlägt einen fürchterlichen Lärm, wenn es Diebe hört. Es ist unheimlich aggressiv und gar nicht ungefährlich Es kann dir leicht die Augen aushacken.” -”Ein Wachhuhn? Wie seltsam.” -”Gar nicht! Der König selbst hat Wachkamele, die in der Wüste Patrouille gehen, an der Grenze zu Mauretanien! Sie sind hochoffizielle Mitglieder der königlichen Wache.” Das erscheint mir doch etwas an den Haaren herbeigezogen. -”Glaube mir! Einmal kamen ein paar arme hungernde Tuaregs, schlachteten eines dieser Kamele und aßen es auf. Sie wußten nichts von ihren miltärischen Rängen. Nun, sie wurden wegen Mordes zum Tode verurteilt. Sie hatten zu allem Überfluß den Kapitän der Königlichen Garde gegessen!”
Der Schlachtbursche übt sich wieder in Seiltricks. Bald liegt das Schaf still da. Der Bursche vollführt wieder seinen Magensprung, und der Kopf des Schafes wird nach hinten gezogen. Die hübsche 12-jährige Sarah steht mit ihrer Katze in der Türöffnung. Die Katze hält sich ein wenig hinter ihr, aber beide verfolgen das Geschehen mit intensem Interesse. Ich höre die Großmutter in der Dachkammer jammern und weinen. Sie glaubt, daß das Schaf leidet. Bismilla, in Gottes Namen, sagt Rachid leise, und das Schafblut spritzt über seine Jacke. Diese Schlachtmethode stellt sicher, daß die Lungen noch atmen und das Herz noch schlägt, sodaß das Blut aus dem Tier vollständig ausgepumpt wird. Bei unserer zivilisierten Methode mit einem Elektroschock, der einen Herzstillstand verursacht, ist das nicht der Fall.
Ich sehe auf den Schafkopf und blicke ihm ins anklagende Auge, das mich vorwurfsvoll anstarrt. Kann es mich wirklich noch sehen? Ich bilde es mir jedenfalls ein. Das Genick ist ja nicht gebrochen. Die Katze ist jetzt zu uns aufs Dach gesprungen und nimmt erwartungsvoll all das warme frische Fleisch in Augenschein.
Das Wachhuhn steht stramm und gibt merkmürdigerweise keinen Laut von sich. Die Großmutter klettert langsam aus der Dachkammer und trocknet ihre Tränen an ihrer Schürze. Der Schlachtbursche ist schon beim Abziehen des Fells. Dann werden die Gedärme und Innereien sortiert und das Tier an einem Balken hochgezogen und aufgehängt. Ich sehe von innen am Rückgrat die Filets glänzen.
“Rühr sie nicht an, bis ich zurückkomme”, warnt Rachid seinen Bruder. Jetzt geht langsam die Sonne auf und der Schlachtkörper wird in ein Tuch eingschlagen.
Zu Mittag soll es ein Grillfest mit Innereien geben. In der Zwischenzeit gehen Rachid und ich auf einen Kaffee. Als wir zurückkommen, streckt mir der Bruder ein Stück gegrilltes Herz entgegen, aber die Filetstücke sind verschwunden. “Er hat sie sich genommen, während wir weg waren”, sagt Rachid auf Norwegisch zu mir, aber er läßt sich nichts anmerken.
Später am Nachmittag sehe ich überall in der Stadt Rauch aufsteigen. Die Opfertiere werden gebraten. Auf offenen Plätzen werden Schafsköpfe gebraten und Bockshörner gebrannt.
Um sechs Uhr steigen wir hinauf auf die Dachterasse, um den Sonnenuntergang zu beobachten. Nach und nach beginnt die ständige Bedudelung durch arabische Volksmusik abzuebben.
PLötzlich- ich halte es im ersten Schreckmoment für ein Moped, das aufheult- legt der erste Muezzin los! Wie eine Stimme aus fernen Zeiten singt er seine uralten Melismen von den Minaretten ganz in der Nähe. Dann gesellen sich immer mehr dazu und mahnen zum Beten. Es ist ein altes, mystisches Erlebnis für mich, ein berauschendes Treffen mit einem längst vergessenen Drama.
Gott, der am heutigen Tag Abraham darum gebeten hat, seinen eigenen Sohn zu opfern. Abraham, der Vater des Glaubens, der das Messer erhebt. Und der stellvertretende Opferbock, mit dem Gott schließlich zufrieden ist.
Ich höre die Fuge der unzähligen Rufer von den verschiedenen Minaretten. Allah Akbar, Gott ist Groß. Bald enden die Gebetsaufrufe einer nach dem anderen, und der Sonnenuntergang ist erfüllt vom Rauch der Opferfeuer. Der dichte Dschungel aus Parabol- und Radioantennen über den Hausdächern zeigt deutlich, wie eng die Menschen hier in ihren kleinen Häusern zusammenleben.
5. Das Atlas-Gebirge und Tizen Tishka
Es ist der 25. Februar 2005.
Einige Stunden Fahrtzeit südlich von Marrakesch beginnt sich der mächtige, schneebedeckte Atlas aufzuwölben. Mit seinen Gipfeln über 400o Meter liegt der Paß Tizen Tishka auf 2600 Metern Höhe.
Früher zogen über diesen Paß die Wünstenkarawanen aus Mali, also ist der Paß eine ideale Stelle, um Reisende zu kontrollieren und Steuern einzuheben. Pascha Glaoui, der Häuptling der Berber, baute hier sein größtes und prächtigstes Schloß, in der Stadt Telouet.
Heute liegt es 20 km von der Paßstraße entfernt, die einen neuen Verlauf angenommen hat. Nur eine schmale Ortsstraße führt nach Telouet, das ein jetzt zu einem abgelegenen Bergkaff verkommen ist. Dafür schlängelt sich der Weg durch ein herrliches grünes Bergtal zwischen wogenden Kornfeldern hindurch.
Im Frühling 2004 hatte ich den Schmuckhändler Abdulkarim an genau dieser Wegkreuzung getroffen. Auf dem Kopf trug er einen indigoblauen Turban, und in seinem Mund immerhin noch einige schwarze Zahnruinen.
Ich fragte nach einer Straße zu Glaouis mächtigem Steinschloß, die man in einem normalen Auto unbeschadet befahren konnte.
-Jaja, die Straße ist ganz wunderbar- vielleicht ein wenig schmal, dafür aber neuer Asphalt bis zum Ziel. Willst du noch heute dorthin?
-Nein, heute muß ich ins Hotel in der nächsten Stadt, Oursasate.
-Wann kommst du wieder?
-Etwa in zwei Tagen.
-Bringst du mir eine Flasche Olivenöl aus der Stadt mit? Ich bezahle auch!
-In Ordnung, ich bringe eine Flasche, wenn ich wiederkomme.
-Du findest mich hier, ich wohne den ganzen Sommer auf diesem Flecken. Ich bin ein Wüstentuareg vom blauen Volk.
Er wirkt sehr stolz, als er das erzählt.
Zwei Tage später bin ich zurück an der Wegkreuzung und habe eine Flasche Olivenöl mitgebracht. Er ist begeistert!
-Wir Tuareg schätzen Leute wie dich, die ihr Wort halten! Hier, wähle ein Schmuckstück für deine Frau!
-Nein, nein, das würde ich mich nicht trauen: meine Frau ist so wählerisch, wenn es um Schmuck geht!
-Ja, da müßtest du eine Berberfrau haben, die wäre nicht so schwierig, sondern folgsam und liebevoll, treu und fleißig! Geduldig würde sie warten, wenn du verreist bist, und sich jedes Mal sehr freuen, wenn du zurückkommst.
Das mit den idealen Berber-Frauen höre ich nicht zum ersten Mal! Die stehen hier wahrlich hoch im Kurs! Immer wieder habe ich stolze Männer damit angeben gehört, ihre Mutter sei Berberin. Sogar Rachid erzählt voll Stolz von seiner Berber-Mutter!
-Aber ich bin ja schon verheiratet,- werfe ich etwas verschämt ein, um den Anpreisungen ein Ende zu machen.
-Das ist doch kein Problem! Du bist doch reich und kannst mehrere Frauen haben! Meine Schwester kannst du sofort haben!
-Aber das geht ja nicht- Nach europäischem Recht ist Polygamie verboten!
-Aber hier doch nicht! Meinst du, die europäische Bürokratie kümmert sich um Berberhochzeiten? Die werden doch nicht registriert, und damit wärst du nach dem Recht deines Landes gar nicht neu verheiratet! Du heiratest einfach ohne Papire, mit lokalen Berbern als Zeugen. Dann brauchst du noch noch 1000 Dirham (ca. 75 Euro) im Monat schicken und kannst Ehefrau und Kinder genießen, wann immer du vorbeikommst.
Ich muß sagen, daß mich der Gedanke etwas befremdet, aber ich bleibe stehen und male mir aus, ob irgendetwas Wahres an dem dran ist, was er da plaudert!
-Ich habe einen fossilen Trilobiten, -sagt er, -Den kannst du haben, der ist echt. Andere sind nur bemalte Abgüße, um die Touristen zu täuschen und reinzulegen. Ach ja, und wenn du wieder vorbeikommst, bringst du mir bitte ein paar gebrauchte Mobiltelephone, wenn du kannst?
-In Ordnung, - verspreche ich und nehme Abschied.
Das war, wie gesagt 2004. Jetzt bin ich zurück. Es ist eiskalt und an der Kreuzung steht kein Tuareg. In der nächsten Ortschaft frage ich nach Abdulkarim und er wird geholt. Freudestrahlend und mit offenen Armen begrüßt und umarmt er mich!
-Komm mit mir heim!
Kein Wort will er davon wissen, daß ich keine Zeit habe. Sein alter Vater kommt- der sieht aus wie ein alter Weiser, mit Gold in den Zähnen und Lachfalten übers ganze Gesicht.
Schließlich entschließe ich mich, mitzugehen und folge ihnen den steilen steiningen Hang hinauf zu einem Komplex von armseligen Erdhäusern. Platz gibt es genug: Stall und Küche, mehrere Schlafräume, Treppen und Galerien und Hintergärten voll zerrupfter, verdorrter Schafe. Eine fadenscheinige Katze folgt uns quer durch den Garten. Ich habe noch nie ein so jämmerliches kleines Geschöpf von einer Katze gesehen: einäugig, mit mottenzerfressenem Fell. Zögerlich setzt sie Pfote um zaudernde Pfote auf den frostharten Steinboden.
Abdulkarims Kinder sind klein und schön. Sie verbeugen sich vor mir, küssen meine Hand und greifen sich ehrfurchtsvoll ans Herz. Ich bekomme Tee gereicht und liefere meine bei Verwandten und Bekannten im Laufe des Jahres zusammengesammelten kaputten Mobiltelephone ab. Auch ein paar Ladegeräte sind dabei.
Die Gaben lösen großen Jubel aus: Nokia! Fantastisch! Die Telephone muß man nur ein wenig reparieren, no problem!
Ich wage es nicht, nach der Schwester zu fragen, die mir letztes Mal in Aussicht gestellt wurde. Woher soll ich wissen, wie ernst er das Angebot gemeint hat! Dafür zeige ich ein Bild von meinem Teenager-Sohn herum.
Ob sie das Bild behalten dürfen? Sie wollen es rahmen und am Ehrenplatz über dem Fernseher aufhängen! (Der Fernseher funktioniert übrigens nicht)
Abdulkarims Frau hat das schönste und offenste Lächeln, das ich mit denken kann und sieht mir voll glücklicher Unschuld gerade in die Augen, wann immer ich zu ihr hinüberschaue- was mir ganz unwillkürlich immer wieder passiert.
Eigentlich wollte ich längst weiter, aber ich bleibe noch in der eiskalten Stube, sitze hier Stunde auf Stunde. Man hat mir einen dicken gewebten Wollteppich gebracht, der mit Stickereien verziert ist. Über die Knie gelegt hält er die schlimmste Kälte ab. Das Haus ist klamm und zugig. Durch die Türe aus zusammengeflochtenen Stäben, erschöpften Holzplanken und Schnur kann man durch die Ritzen und Spalten gut hinaussehen.
Aber man serviert mir Fleisch: gegrillt auf Spießen. Die anderen sehen zufrieden zu, wie ich esse. Sie hätten schon gegessen, behaupten sie. Ich weiß, daß es jetzt schon zu spät für das Hotel wird, daß ich bereits im Dunkeln fahren über die mulmigen Straßen fahren müßte, und daß ich einer armen Familie das Essen wegesse. Aber ich bin fasziniert und kann nicht dagegen an.
Endlich kommt Abdulkarims Schwester. Sie ist dünn und etwas seltsam. Sofort geht sie mit den Kindern spielen. Das Spiel wird so ungehalten wild, daß ich richtig verschreckt bin. Unbändig toben, turnen und ringen die Kinder, lachen lautstark und heulen vor lauter Vergnügen. Komisch, niemand schimpft, und niemand verletzt sich ernsthaft. Das hier ist ein ist ein wahrhaft hartes Volk!
Es kommt so weit, daß ich übernachten muß. Die seltsame Tuaragschwester ist inzwischen abgereist, und zum Glück habe ich sie nie wieder gesehen.
Ich muß noch fragen, wo man aufs Klo gehen kann. Es geht nicht mehr anders. Mein erstes Mal ohne Klopapier, nur mit einem Kübel Eiswasser. Rachids Erklärung, warum die linke Hand unrein ist, steigt mir unangenehm-peinlich in den Kopf. Aber wenn man muß, muß man. Und es war sogar weniger schlimm als ich gedacht hätte.

6. Glaouis Steinschloß
Der vermutlich berühmteste Berber der Welt hieß Glaoui.
Er wurde zum Verräter an seinem eigenen Volk durch seine Zusammenarbeit mit den Franzosen, durch die er das Bergvolk in französische Ketten schmiedete. Sein vom Pferderücken aus kämpfendes Volk mit seinen uneinnehmbaren Festungen, den sogenannten Kasbahs aus Lehm und Erde hatte sich die Freiheit über tausende Jahre bewahrt: Das stolze blaue Volk, die Wüstentuaregs, die Bergnomaden und der Stamm Amazigh, den ich mit der Zeit so gut kennenlernen sollte.
1912 wurde Marokko zum französischen Protektorat, und nach ein paar Jahrzehnten konnten die Franzosen ihren Halt durch Glaouis verräterische Mithilfe endgültig einzementieren.
Wenn ich heute nach Pascha Glaoui frage lächelt man etwas verlegen, und wenn man lange genug nachhakt, geben sie zu: Ja, besonders nett war er leider nicht zu uns, Gott sei ihm gnädig.
Einmal bekam Glaoui von einem Freund, dem französischen Oberbefehlshaber, General Lyautey, zwei Kanonen geschenkt. Natürlich wollte er gerne herausfinden, ob sie auch gut funktionierten und feuerte der Einfachkeit halber kurzerhand auf seine eigenen Dörfer.
Es heißt etwas lakonisch, es habe vieleVerluste gegeben.
Glaoui besaß viele große Schlösser und befestigte Kasbahs. Aber das schönste von allen war das Schloß an der alten Karawanenroute in der Stadt Telouet. Eine Riesenanlage aus behauenem Stein, denn gestampfte Erde war für den Fürsten nicht gut genug. Für den Bau holte er sich schwarze Sklaven aus Timbuktu in Mali. Sie durften seine Steinblöcke schlagen und transportieren. 1956, als Glaoui das Zeitliche segnete, war das Schloß noch immer unvollendet, aber die schwarzen Sklaven, die mit der Zeit frei kamen, wohnen noch immer in den Sklavenvierteln und erzählen ihren Kindern von Glaouis Schreckensherrschaft. Allerdings aus einem emotionaleren Blickwinkel als die Berber, die es vorziehen, nur die Schultern zu zucken und verächtlich zu lächeln.
Die Schwarzen erzählen mit loderendem Haß, wie grausam das Leben als Sklave Glaouis war. Nie konnte man wissen, wann es ihm in den Tagesplan paßte, einen Mitmenschen zu töten. Wer aufmuckte wurde in die Mauer eingemauert und nahm so seinen ewigen Platz in der Geschichte von Marokkos historischen Monumenten ein. Dei arabischen Handwerker, welche die einzigartigen Gipsstukkaturen im Steinschloß anfertigten, wurden nach Vollendigung ihres Werks allesamt liquidiert. So war endgültig sichergestellt, daß sie nicht dieselben Muster in einem anderen Schloß anbringen konnten.
Selber kann ich mich jedenfalls nicht über Telouet beklagen, denn es gibt hier viele bildschöne Mädchen. Nun, ein paar sind auch dabei, die -nach amerikanischen Normen betrachtet- ein “total makeover” hätten gebrauchen können- Aber hier wirkt es nicht so, als nähme irgendjemand Anstand an einem herzzerreißend windschief stehenden Zahn oder einem, der abenteuerlustig über die Lippe hervorlugt. Zähne sind hier überhaupt kein Thema, denn früher oder später fehlen sowieso die meisten. Alle Zwischenstadien von Ruinen mit gelben, braunen und schwarzen Flecken sind völlig alltäglich und beunruhigen hier niemandes Schönheitsempfinden. So hat es jedenfalls den Anschein. Außerdem scheinen diese Zähne, die einem europäischen Zahnarzt lebenslange Albträume bescheren würden, erstaunlich robust, stark und einsatztauglich.
Ich bilde mir sogar ein, zu beobachten, daß Mädchen mit einem strahlenden Zahnpasta-Werbungs-Lächeln eher in zweiter Reihe stehen bleiben und die mit den Abenteuerspielplatz-Gebissen zuerst weggeheiratet werden. Eine schöne junge Frau kann schon ziemlich anstrengend sein, denn schließlich muß man ja dann pausenlos auf sie aufpassen!!
Auch dieser vielleicht etwas ungewöhnliche Geschmack bei der Frauenauswahl hat wohl seine Wurzeln in Glaouis Regime, denn er hatte sich einen gefinkelten Plan ausgedacht, um mit den schönen Frauen seiner Städte und Dörfer Unsummen zu scheffeln: Tausende Berbermädchen wurden in Freudenhäuser in Casablanca, Agadir und Marrakesch verschickt. Schickten sie nicht eine gewisse Summe Geldes pro Tag zurück, so waren sie des Todes. Natürlich waren seine Favoriten in diesem Geschäft die schönen Mädchen. Und so kamen sie in einen schlechten Ruf bei der Bevölkerung, während Glaoui sich steinreich verdiente.
Die Männer ließ er bei seinen Geschäftsideen auch nicht zu kurz kommen, denn er schickte sie nach Frankreich, um in den gesundheitsschädlichen Kohlegruben ihr Dasein zu fristen. Man sagt, sie starben nicht ganz so schnell weg wie die weniger widerstandsfähigen französischen Arbeiter.
War Glaoui einmal bei schlechter Laune war, konnte es ihm einfallen, einem Mann anzuschaffen, auf einen Baum zu klettern. Wenn er oben angekommen war, ließ er den Baum fällen und fand es immer besonders amüsant, zu beobachten, was der Mann im Baum so alles anstellte, während er gefällt wurde, und wie er schließlich sein Schicksal nahm.
Natürlich waren die Bauern verplichtet, ihre besten Kühe jederzeit an Glaoui auszuliefern, und wenn es im Winter kalt wurde, schickte er ganze Dörfer aus, um für ihn Holz zu schlagen.
So hatte er immer gute Reserven an allem Notwendigen und konnte in seinen Steinschlössern und Kasbahs schön wohlig einheizen. Von den Wäldern, die einstmals die Berge bedeckt haben sollen, ist aber infolgedessen heute keine Spur mehr vorhanden.
Da ihn die Holzfeuer noch nicht genug wärmten, mußte man ihm auch jede Nachte eine schöne Jungfrau schicken, um ihn bei Laune zu halten.
Dem allmächtige Gott soll all diese Unmoral letztendlich doch zuviel geworden sein, denn er ließ eine Plage von Würmern über Glaoui herabkommen. Elendig, wurmzerfressen, stinkend, mit quälenden Leiden soll er sein erbärmliches Leben beendet haben, als Strafe für seine Untaten. Aller Reichtum der Welt hilft dem mächtigsten Fürsten nicht mehr, wenn Gottes Zorn sich über ihn senkt.
Für Glaoui war sein qualvolles Sterben wahrscheinlich nur eine Eingewöhnungsphase zur Vorbereitung auf das, was ihn erwartete, als ihn die Dämonen schließlich in ihre eigene Ewigkeit mitnehmen sollten.
Im selben Jahr erlangte Marokko seine Unabhängigkeit von Frankreich, und der König, der als Flüchtling in Madagaskar gelebt hatte, kam unter großem Jubel des Volkes wieder heim.
So wurde es mir jedenfalls erzählt.

7. Die letzte Schanze der Zivilisation
Am kommenden Abend erreiche ich das Hotel im Bergdorf Boumalne einige Stunden zu spät. Die letzen zwei Stunden mußte ich im Dunklen durch die Dörfer fahren. So gern ich normalerweise Auto fahre, so sehr hasse ich hier das Fahren in der Nacht, denn ohne jegliche Straßenbeleuchtung wird es hier zum Spießrutenlauf! Dorfbewohner in schwarzen Kitteln mit schwarzen Tüchern auf dem Kopf wuseln unbekümmert in plaudernden Grüppchen über die Straßen. Ich möchte nicht behaupten, in Norwegen noch nie einen Radfahrer ohne Nachtlicht gesehen zu haben- aber immerhin sind dort die Straßen beleuchtet! Noch schlimmer sind die lichtlosen Motorräder, ganz zu schweigen von Autos, natürlich auch ohne Licht! Aber die Hitliste führen trotzdem die Bauern mit ihren Eselskarren an. Sie haben selbstverständlich kein Licht und nicht den kleinsten Funken Verkehrsverstand! Also bleibt im Dunklen nicht anderes für mich übrig als im Schneckentempo über die Straßen zu kriechen und mich Minute für schleichende Minute zu ärgern! Besonders, wenn eines der verrückten lokalen Taxis hinter mir schubst und hupt! Wahnsinnige, allesamt!!!
Im Hotel erwartet mich meine Kontaktperson. Er trinkt Kräutertee mit ein paar anderen Männern. Zwei, drei Stunden auf oder ab beteuten ihm nichts, denn hier steht die Zeit ohnehin still. Der Kontaktmann zeigt mir, wo ich parken kann und bezahlt einen Wächter, der auf mein Auto aufpassen soll. Große kantige Steine kollern überall auf dem unebenen und windschiefen Parkplatz herum. Man hilft mir bereitwillig, sie gekonnt zu umfahren. Aber entfernt dürfen sie nicht werden, denn die Lastwägen mit den schlechten Bremsen brauchen sie, um nicht den Abhang hinunterzurollen!!
Man heißt mich herzlichst im Hotel willkommen und zeigt mir mein Zimmer. Es ist eishalt, das Warmwasser funktioniert weder in meinem Zimmer noch in der Dusche am Gang. Grauenhaft. Ich lege mich mit Handschuhen, Mütze und drei Paar warmen Socken unter fünf steife Wolldecken ins Bett, friere aber trotzdem die ganze Nacht hindurch. Am Morgen bin ich zittrig und steifgefroren, frühstücke mit Mütze, Mantel und Handschuhen- und mit langen Bart. Es hilft nichts, ich verkühle mich. Es wird eine Weile dauern, bis ich mich wieder erhole.
In den nächsten Wochen werde ich Zeuge von Nord-Afrikas schlimmster Kälteperiode seit 100 Jahren. Es schneit entlang der Mittelmeerküste! Hier oben im hohen Atlasgebirge scheint die Sonne, aber dafür ist es umso kälter. Überall frieren die Wasserleitungen ein und die Leute sind ohne Wasser. Von Heizungen hat hier noch niemand gehört. Türen und Fenster sind dünn und undicht. Die Doppeltür zwischen Straße und dem Speiseraum des Hotels steht quasi immer offen. Ich bemühe mich, sie zu schließen, aber der nächste, der vorbeikommt, läßt sie wieder offen.
Ich frage mich, ob es nicht in meiner Jugend in Norwegen genauso war. Ich erinnere mich dunkel, daß der Nachttopf unterm Bett oft in der Früh solid durchgefroren war und die Fenster voller Eisrosen auf der Innenseite standen. Allerdings hatte ich auch meine Daunendecke, weiche Wolldecken und eine Wärmeflasche! Am Boden vor dem Bett lag ein dickes Lammfell, und ich erinnere mich nicht, als Kind in der Nacht je gefroren zu haben.
Eines Morgens in diesem Winter 2005 geschieht das große Wunder: Es liegt Schnee, und kein lebender Mensch hier hat je Schnee gesehen. Die Schulkinder sammeln ihn wie Reisig in ihre linke Armbeuge und essen ihn mit der rechten Hand wie Zuckerwatte. Wahrscheinlich glauben sie, es ist Manna vom Himmel.
Ein verschrumpelter alter Mann spricht mich an. Mit tränenerstickter Stimme erklärt er mir, daß die Einwegkamera, die er um sein allerletztes Geld gekauft hat, nicht funktionier, und er – so alt wie er ist- sicher nie mehr in seinem Leben Schnee zu Gesicht bekommen wird. Er schluchzt leise. Ob ich ein Bild für ihn mit meiner schönen Kamera machen könnte. Er möchte es so gerne in seinem Kaffeehaus aufhängen. Natürlich kann ich das. Heute hängt das Schneebild stolz in seinem Kaffehaus.
Es ist so einfach, hier mit den Menschen in Kontakt zu kommen. Sie lächeln und schütteln einem die Hand und heißen einen mit aufrichtiger Wärme willkommen. Wenn man Hilfe braucht, muß man es nur sagen. Ein lächelnder dunkelhäutiger Berber mit schwarzem Turban lädt mich ein, seine Malerieausstellung anzusehen. Viele seinere Freunde sind auch gekommen. Am Abend werde ich eingeladen, mit ihnen zu essen. Sie führen mich durch so viele pechschwarze Hinterhöfe und Gässchen, daß mir ziemlich mulmig wird. Für meinen eigenen Geschmack habe ich etwas zu viel Bargeld bei mir. Wir klettern schließlich ein paar schmale steile Treppen hinauf und landen in einem Raum voller selbstgebauter Trommeln. In der Küche daneben feuert jemand den Ofen mit Holzkohle und kocht in Tontöpfen. Es ist Tajine, ein Gericht aus Gemüse, Lammfleisch und herrlichen Gewürzen. Während wir auf das Essen warten, wird munter getrommelt. Ich darf auch mitmachen.
Die Freunde haben entdeckt, daß ich einen MP3-Spieler bei mir habe. Ob ich damit Musik aufnehmen kann. -Ja, sicher. -Und ob man dann eine CD davon machen kann. -Ja, auch das. -Das trifft sich wunderbar, denn die musikalischen Freunde hatten vor, eine CD aufzunehmen, um sie den Touristen zu verkaufen. Das Cover soll der Maler mit dem Turban gestalten.
Ich mache eine kleine Testaufnahme vom Getrommel und alles sind sehr vergnügt und zufrieden, und das Thema ist damit erledigt.
Entlang der einen Wand sind lauter Berber-Schmuckstücke, Teppiche, Kisten und Kästchen ausgestellt. All das haben sie von den Nomaden ertauscht, die in Höhlen in den Bergen leben.
Die Nomaden haben kein Verständnis für Geld. Was sie brauchen sind alte Kleidungsstücke, gebrauchte Schuhe, Schmuck und Mehl. Wenn ein Nomande ein Nest von Kristallen oder ein Fossil entdeckt, zerschlägt er es mit seinem Hirtenstab. Man kann ja schließlich nicht beladen mit Steinen durch die Gegend wandern!
-Aber die sind doch wertvoll, – werfe ich ein. -Ja, sie sind das wert, was dumme Touristen dafür bezahlen wollen.
Eine der Schmuckkisten gefällt mir sehr und ich frage nach dem Preis. -Was willst du zahlen?- heißt es. Ich habe absolut keine Ahnung. -Gibst du uns 1500 Dirham?- Ich fische das Geld hervor und bezahle. Von diesem Zeitpunkt an bin ich bekannt als der Mann, der in einem Auto kam, das aussah wie ein Flugzeug und eine Schmuckkiste kaufte, ohne eine Sekunde lang zu handeln.
Hier im Ort wohnt tatsächlich eine Norwegerin, die mir das am Tag darauf erzählt. Die Männer kichern, als sie mir von ihr berichten. Sie sei schon ziemlich alt, aber sie hat sich einen großen jungen Berber mit einem großen ** gefunden. Sie demonstrieren mit aussagekräftiger Gestik. Geld hat sie ja genug und versorgt ihn großzügig damit. Dafür darf sie seine jugendliche Kraft genießen. Schallendes Gelächter.
Noch eine andere Norwegerin sei einmal hier gewesen. Sie kaufte das gräßliche Hotel, das aussieht wie der Kanonenturm eines Kriegsschiffs, und das jetzt geschlossen ist. Die Dame ist nie wieder aufgetaucht, aber angeblich war sie unbeschreiblich schön. Elisabeth soll sie geheißen haben. Und ein Filmstar gewesen sein. -Elisabeth Taylor, -will einer der Männer wissen. Er meint es ganz ernst. Heute soll sie in Portugal leben.
In den kommenden Tagen höre ich noch viel über das Hotel mit den 100 Zimmern, die jetzt alle geschlossen sind. 60 Familien wurden durch nach der Schließung des Hotels brotlos. Eine Katastrophe für den Ort. Es war ein Vier-Sterne-Hotel Kl.A.
Angeblich war es nicht einmal die Schuld der “norwegischen Dame” -die mit der Geschichte 20 Millionen Dirham verlor- sondern die ihres Geliebten, eines Schwarzen aus der Gegend, der mitsamt dem Geld spurlos verschwunden ist. Einige Nachtclubs in Marrakech soll er gekauft haben. Viele hier würden ihn gerne in die Finger bekommen- würden ihn am liebsten umbringen- einige haben es sogar versucht, sagt man.
-Kannst du nicht zum König gehen und ihm von uns erzählen? – fragt man mich. -Oder etwas im Internet schreiben? Wir haben versucht, vor dem Ministerium zu streiken, aber niemand ist herausgekommen. Aber wenn du mit dem König reden würdest, käme alles in Ordnung! Der König weiß ja nicht, wie es uns hier geht. Du mußt dafür sorgen, daß er es erfährt!

8. Rotzbuben, Hammam und Sternennacht im Atlasgebirge
Auf einer Spazierfahrt bleibe ich stehen, um einige Fotos zu machen. Oben auf den Hügeln hat mich jemand erspäht. Ein schwarzer Punkt nähert sich mir im Renngalopp! Es ist ein kleiner Junge auf einem unsichtbaren Motorrad. Er gibt Gas und der unsichtbare Motor heult dramatisch auf. Aus dem Auspuff- seinem offenen Mund- spritzt eine Kondenswolke von Abgasen.
Ich versuche, meine Kamera hervorzukramen und kurble mein Autofenster hinunter. Da ist er schon, und kommt mit einem gefährlichen Haarnadel-Bremsmanöver knapp neben meiner Autotür zum Stillstand. Der Schreck fährt mir in alle Glieder. Es ist als würde ich ins Angesicht der Pestilenz persönlich schauen.
Sein Gesicht, gezeichnet von Krankheit und Elendigkeit klebt direkt vor meinem Autofenster.
-Gib mir einen Dirham-, schnuffelt er heiser und starrt mir durch eine steife Rotzmaske in die Augen. Grüne Streifen und graue Strähnen von Rotz kleben ihm im Gesicht, manche eingetrocknet, manche noch glitzernd-frisch. Von der Nase über den Mund bis zum Pullover und bis über die Ohren ziehen sich zähe elastische Schleimfäden, die in zittriger Erregung beben.
Ich habe einmal gelesen, daß es auf der Welt ungefähr 30000 Krankheiten geben soll. Von diesen hat die klassische Medizin angeblich 8000 in ihrem Repertoire, nur etwa 200 können geheilt werden. Welche seltene, , schmerzvolle, ansteckende und unheilbare Kondition habe ich hier vor mir, die einen unsichtbare Motorräder halluzinieren läßt?
Ich erinnere mich an die Afrika-Missionare, die in unserem Ort wohnten, als ich noch klein war. Alle hatten die eine oder andere chronische Krankheit als Souvenir mitgebracht. Afrika schien ihnen allen einen ewigen Stempel aufgedrückt zu haben, ob nun in Form von Malaria, Eingeweideparasiten oder etwas anderem Grausigen.
-Gib mir einen Dirham-, wiederholt der Junge und starrt mich unverwandt und vorwurfsvoll durch die spektakulären Rotzgebilde an. Ich erlange meine Fassung zurück und werfe ein paar Geldstücke über seine Schulter, damit er sich von mir entfernt und ich flüchten kann, ohne ihn überfahren zu müssen.
Warum ich kein Foto gemacht habe? Eine einmalige Gelegenheit, ein außergewöhnliches und williges Motiv, eine schußbereite Kamera, und ich kneife den Schwanz ein und begehe quasi Fahrerflucht??
Vermutlich war der Junge nur ein wenig verkühlt- und nicht ganz hell im Köpfchen. Er war bestimmt nicht lebensgefährlich. Oder war ich auf einen ausspekulierten Trick hereingefallen, um dumme Touristen zu Tode zu erschrecken und von ihnen Geld zu bekommen?
Mehrere Kilometer weiter sitze ich mit Gänsehaut in meinem warmen Auto und denke in Frieden über die Begegnung nach. Ich bin richtig froh, dieses Fotomotiv nicht verewigt zu haben.
Im Hotel gibt es nichts als Eiswasser, sowohl im Waschbecken in meinem Zimmer als auch in der Dusche am Gang. Die Lösung ist der Hammam, das öffentliche Bad. Rachid nimmt mich mit zu dem großen Haus mit Rezeption, Umziehraum, Duschraum, einer Kammer mit kaltem und warmem Wasser und schließlich einer Sauna. Ich bekomme einen Eimer, ein Stück Teerseife und einen handgestrickten Waschlappen. In den nackten, nassen Gewölben ist es stockfinster, aber es herrscht ein überakustisches, wahnwitzig-unheimliches Echo. Rachid sagt, die Geräusche hier hätten ihn als kleinen Jungen zu Tode erschreckt. Das kann ich deutlich nachvollziehen.
Ich wandere weiter in den innersten, wärmsten Raum, schließe die Augen und glaube, mich in der inneresten heißesten Hölle zu befinden. Eine Etage unter mir brennt ein ewiges, alles verzehrendes Feuer, und die dunkle Hitze drängt mir höllische Illusionen geradezu auf. Am unheimlichsten sind trotzdem die Geräusche. Es brodelt und siedet im schäumenden Heißwasser, während merkwürdige Tropf- und Plopp-Laute im Kaltwasserbecken für Gänsehaut sorgen.
Manchmal zischt es gewaltig, als würden 1000 kleine rote Teufelchen kaltes Wasser über den Boden schütten, damit er nicht zu heiß wird. Am Gruseligsten ist die dunkle rauhe Araberstimme, die in gewissen Intervallen irgendetwas intoniert, das so vom Hall verzogen und verformt ist, daß nicht einmal Rachid ein Wort verstehen kann. Es klingt als würde jemand gefoltert. Tatsächlich sucht mich wenig später Satan persönlich als in der Gestalt eines drahtigen, klapprigen, sehnigen alten Mannes auf.
Er ist ausgerüstet mit einem der handgestrickten Waschlappen, rauher als gröbstes Schmirgelpapier. Mit diesem fängt er an, mit Hingebung die Haut von meinem Körper abzuschrubben. Es tut schrecklich weh, aber ich beiße die Zähne zusammen und sage nichts. Bin ich denn nicht von altem Wikingerblut? Rachid soll sehen, daß ich tapfer genug bin, um diese Behandlung auszuhalten, denke ich mit zusammengebissenen Zähnen. Satan wälzt mich herum wie ein Schnitzel unter dem Hammer, macht nicht davor halt, behände mit dem Strickhandschuh in meine Unterhose zu fahren! Ich halte die Luft an… !! Nein- ein Stoßgebet zum Himmel!- peinlich berührt werde ich nicht. Immerhin! Dafür bekomme ich mehrere Panier-Durchgänge, mit und ohne Seife, die allen Ernstes nach Pech und Schwefel riecht, und die auf meiner zerschundenen Haut brennt wie die Hölle. Am Ende bin ich rot und hautlos wie ein gekochtes und geschältes Shrimp.
Ich habe die Hölle überlebt ohne einen Mucks von mir zu geben, wie ein Wikingerheld. Ich bin stolz auf mich.
Als mich Rachid bei Licht sieht, ruft er entsetzt: -Du bist ja knallrot!
-Das ist gar nichts-, sage ich tapfer-herablassend.
-Und ich habe den Masseur extra gebeten, mit deiner zarten weißen Haut behutsam umzugehen. Ich gehe mich beschweren!-
-Nein, nein, nicht notwendig-, sage ich, -Der Masseur war ausgezeichnet.-
Nach einer Weile beginnt Blutwasser überall aus meiner Haut auszutreten.
Rachid besorgt eine Spezialsalbe. -Warum hast du denn nichts gesagt! Das muß ja schrecklich wehgetan haben!!-
-Ich habe nichts Besonderes bemerkt,- sagt der Wikinger in mir
Rachid machte dem Masseur die Hölle heiß, und dieser entschuldigte sich tausendmal, war am Boden zerstört und versicherte mir, daß er nicht abschätzen konnte, wie besonders empfindlich weiße Haut doch sei!
Am nächsten Tag sehe ich aus wie ein Pestopfer, mit Schorf am ganzen Körper, besonders auf den Unterschenkeln.
Ich begriff, daß ich eine neue Unterkunft suchen mußte, mit Dusche und warmem Wasser im Zimmer, wie wir Europäer das gewöhnt sind.
Panorama Hotel in Boumalne, die letzte Schanze der Zivilisation, bekommt von mir eine Chance. Ich ziehe am nächsten Tag dort ein, stehe am Abend auf der Panoramaterasse und höre die Gebetsrufe von nah und fern.
Nur hier und da kann ich schwache bräunliche Lichter von den Orten im Tal sehen. Wenn sie überhaupt Strom haben, dann sparen sie ihn lieber.
Über mir wölbt sich der eisige Nachthimmel voller Sterne so klar wie Engelsaugen in dieser Afrikanacht in 2000 Meter Höhe.
Ich verstehe, warum der Koran von einem guten Moslem verlangt, den Nachthimmel zu studieren. Man kann die wahre Größe der Schöpfung erahnen, in einer solchen Nacht. Man fühlt die Gegenwart des unendlichen Universums und spürt, wie unbedeutend man selber eigentlich ist. Mit eigenen Augen kann man in die unbegreifliche Tiefe blicken und Sterne sehen, so wie sie zu Anbeginn der Zeiten waren, vor Milliarden von Jahren. Kann dieser kleine Mensch, der ich bin, jemals etwas von den unendlichen großen Mysterien erahnen, von denen er nur einen winzigen Splitter je erfassen wird?
Während ein einsamer Wildhund klagt, meine ich etwas von der Größe des Seins und der Kostbarkeit unseres kleinen Planeten, der die kurzen Leben von uns Menschen beherbergt, zu erahnen. Ehrfurcht überflutet mich. Das Wildhundgeheul ebbt kraftlos ab und zerfasert in der Nacht. Es ist ein gotterbärmlich jämmerliches Geräusch, einsam und verzweifelt, als hätte der Hund keine Ahnung von dem Großen Ganzen, von dem er auch ein Teil ist. Ihm hilft wohl keine Astronomie, den Hunger und die Kälte zu vergessen.
Vielleicht war es sein Klagegeheul, weil ihm die letzte Ratte entwischt ist und er nicht mehr die Kraft hat, eine neue zu jagen.
Vielleicht muß er noch diese Nacht sterben.

9. Panorama Hotel und Dorfbesuch
Ich wohne jetzt im Panorama Hotel. Die Aussicht ist phänomenal und macht dem Namen alle Ehre. Mein Zimmer hat eine Heizung, ist schön sauber und hat warmes Wasser und eine Dusche! Von der Terasse aus kann ich das alte Schloß sehen, auf das ich mein Auge geworfen habe, und das ich gerne kaufen möchte.
Hussein, ein einäugiger armer Berber, den ich von früher kenne, wartet auf mich beim Hoteleingang. Er ist mit dem Eigentümer ”meines” Schlosses verwandt, und wir haben schon ausgemacht, daß er mein Schloßwächter wird, wenn ich es erst einmal gekauft habe. Sein Sohn, ein sympatischer 15-jähriger Bursche namens Lhassen wird mein persönlicher Guide und Arabisch-Privatlehrer. Außerdem möchte er mir zeigen, wie man Kasbahs zeichnet. Auch die schöne junge Sakina hat sich mir als Führerin angeboten, aber dieses Angebot habe ich mich nicht getraut anzunehmen. Was sollen die Leute denken, wenn sie mich durch die einsamen Labyrinthe in den violetten “Affenfinger-Bergen” führt, die hier die malerische Kulisse darstellen.
Sie ist ganz geknickt, daß ich sie nicht engagiert habe. Ihr Vater hatte ihr erlaubt, sich mir anzubieten.
Der Hotelbesitzer achtet strengstens darauf, daß man mich, den “wichtigen ausländischen Künstler”, nicht unnötig bei der Arbeit stören darf. Also machen wir alle einen respektvollen Bogen um mich. Lhassen achtet speziell darauf, daß mich die Kinderscharen in Ruhe lassen.
Die Kinder hier können nämlich ziemlich lästig und aufdringlich sein. Wenn ihnen jemand etwas schenkt, verbreitet sich das Gerücht wie ein Lauffeuer, wer sich hier anzubetteln lohnt. Dann hat man keinen Frieden mehr und kann ständig Zuckerl und Kleingeld an Kindertrauben verteilen, die einem wie die Fliegenschwärme verfolgen.
Lhassen fehlt ein Vorderzahn, den er bei einem Sturz mit dem Fahrrad eingebüßt hat. Aber zum Ausgleich hat er einen anderen Zahn daneben, der so dünn wie ein Zahnstocher ist. Alle übrigen Zähne sind merkwürdigerweise einwandfrei und weiß. Trotz seiner individuellen Zähne hat er ein charmantes und offenes Lächeln, das er ungeniert zeigt.
An diesem mondfinsteren Februarabend habe ich vor, Lhassen in der Stadt zu besuchen, um bei ihm Kuskus zu essen. Er führt mich einen steilen gewundenen Weg bergab. Nichts als Sternenlicht beleuchtet unseren Weg. Wir gehen am Rande eines gefährlichen Abhangs entlang, und manchmal macht mich Lhassen auf große lose Steine aufmerksam, die am Weg herumkullern. Es ist ein merkwürdig archaisches Gefühl, unter diesem schwarzen Afrikahimmel und den spitz und weiß leuchtenden Sternen steil bergab zu klettern.
Die Ewigkeit über mir und der an die kleinen Erdhäuser unter uns erinnernde beißende Rauch und Geruch von gekochtem Schaffett bilden einen seltsamen Kontrast. Die kleinen Lehmhäuser halten mit ihren dumpfem braunen Talglichtern dem klarem umso gleißender wirkenden Sternenlicht Stand.
Irgendwie versetzt mich das in eine feierliche Stimmung, beinahe wie zu Weihnachten zuhause in Norwegen.
Eine einzige Straßenlaterne des Dorfes wirft ihr hartes bläuliches Licht und verstärkt noch die schwarzen langen Schatten in des kleinen Ortes. Ohne diese eine Straßenlaterne wäre auch nichts verloren gewesen, aber sie ist der ganze Stolz des Dorfes! Respektvoll halte ich mit Kritik über das Dorfwahrzeichen hinterm Berg.
Lhassen öffnet eine schwere Pforte in einer stolzen Steinmauer und wir treten hindurch, durchqueren einen Stall und einen Hinterhof und gelangen schließlich in einen Raum, in dem seine Familie versammelt sitzt. Die Wände sind mit Teppichen verkleidet. Alle grüßen freundlich und vergnügt. Der Vater sitzt da mit einem gebrochenen Fuß. Da kann man eben nichts machen.
Die Schwester will mir und Lhassen Kuskus im Nebenraum servieren. Lhassen glaubt nicht, daß er etwas essen kann. Er hat Zahnschmerzen. Morgen will er sich den Zahn ziehen lassen, einen fehlerfrei aussehenden Backenzahn. 20 Dirham plus Taxen kostet das.
-Hast du Geld?-, frage ich.
-Nein. Aber Allah wird dafür sorgen. Ich muß ihn ziehen lassen, ich kann sonst nichts essen. Gestern habe ich nur geweint.-
-Bekommst du eine Betäubung?-
Davon hat er keine Ahnung, er ist nur froh, wenn er den Zahn möglichst bald los wird. Dabei fehlt ihm ja schon ein Vorderzahn!
Ich fühle mich miserabel. Hat mich Allah hierher geschickt, um die Not dieser Berber zu lindern?? -
-Du bist mein Vater-, sagt Lhassen, -Ich tue, was du sagst, und du wirst nie von mir hören, daß ich von dir Geld verlange. Ich kann die die geheimsten Grotten und Steige der Gegend zeigen. Ich kenne mich viel besser aus als Sakina.
Er ist so voll Vertrauen, Und ich möchte nur noch zurück nach hause in mein warmes Hotellbett und endlich wieder aufhören können zu husten.
Wir essen. Lhassen nimmt das schönste Fleischstück, das obenauf am Serviertablett präsentiert wird und reißt mir mit der Hand die besten Stücke ab, um sie mir aufzutragen.
Tatsächlich schmeckt es köstlich und ich spüre wieder die Weihnachststimmung in mein Herz kriechen.
Lhassen erzählt die Geschichte davon, wie Glaoui erfuhr, daß sein Großvater einen Esel gekauft hatte. Esel sowie Großvater wurden herbeigeholt, um für Glaoui zu arbeiten. Nach vier Monaten wurde der Großvater ohne Esel heimgeschickt. Aber nicht, bevor ihm Glaoui ihm seine einzige Jacke weggenommen hatte, um sie in vier Streifen zu schneiden, die er um die Hufe des Esels wickelte.
Der Großvater war heilfroh, so billig entkommen zu sein.
Eine zerrupfte, verhungerte Miniaturkatze sucht mich aus, um sich hingebungsvoll an meinen Beinen zu reiben. Sie sieht mich mit großen anhänglichen Augen so ehrlich fürbittend an.
Lhassen wirft ihr ein Brotstück hin, das sie geschickt aus der Luft fängt. Eine ganz typische Berberkatze, hungrig, mager, aber hellwach und beweglich wie Quecksilber. Ich überlege, ob norwegische Katzen auch Brot fressen würden.
Die Katze erinnert mich an meinen einäugigen Freund Hussein. Wie sie sich ehrfürchtig vor mir beugt und windet und mir um die Beine streicht und mir ab und zu ein flüchtiges Lächeln schenkt, das ich nicht verstehen will.
Auch Hussein ist so klein und ausgehungert, windet den Kopf beim Sprechen hin und her und muß jeden Atemzug wie aus einem tiefen Brunnen mühsam ans Tageslicht ziehen.
So stelle ich mir Gollum aus dem “Herrn der Ringe” vor. Er wirkt immer etwas falsch und verschlagen, aber das ist er gar nicht. Wahrscheinlich hat er nur Angst, meine Gunst zu verlieren. Er präsentierte mir seinen Sohn als meinen Führer und strich ihm zärtlich dabei über die Wange. Da wallte echte Rührung in mir auf, als sich die beiden lange und tief in die Augen sahen und sich anlächelten. Der Junge sah so vertrauensvoll und glücklich aus.
Hussein erzählte mir von seinem ersten Sohn, Muhammed. Er wurde nur sechs Jahre alt. Erst wurde sein Fuß schwarz, dann wurde sein Bauch schwarz. Man fand ein paar Pillen für ihn im Krankenhaus, aber dann wurde auch sein Herz schwarz und er starb. Hussein hat noch die Pillen übrig. Hussein betrachtet die Pillen als das Erbe, das ihm von seinem Sohn geblieben ist. Er hat schon lange vor, sie zu verkaufen, aber er kann sich nicht ganz überwinden, aus dem Tod seines Sohnes noch Gewinn zu schöpfen. Seine Schulbücher hat er bereits verkauft, und die Nachbarn lachen ihn aus, weil er 10 Dirham, 1 Euro, für das Muhammeds Schulbücher im Paket verlangt hat und nicht bemerkt hat, daß in dem einen Buch ein 10 Euro-Schein gelegen hat. 10 Euro und einen Stapel Bücher um den Wert von einen 1 Euro verkauft, und noch ein paar alte Pillen als Resterbe.
Ich komme mir schmutzig vor, weil ich Hussein verwenden will, um mein Schloß möglichst billig zu kaufen. Er sagt: -Kauf diese Kasbah nicht. Die verlangen zu viel, meine Verwandten.-
-Da hast du recht-, sage ich und hoffe, daß er weitererzählt, daß ich nur kaufen würde, wenn die Verwandten mit dem Preis hinuntergehen.
Der Einäugige ist rein und ehrlich im Herzen. Ich treibe hier ein falsches Spiel.
Am Tag nach dem Essen bei Hussein bekomme ich ernsthafte Magenprobleme. Für einen Europäer muß Kuskus dreimal gekocht werden, damit unsere Mägen damit zurechtkommen. Und wahrscheinlich habe ich das berüchtigte Fleisch von altem weiblichen Schaf gegessen, von dem man alle Zustände bekommt, wie alle hier wissen. Wer einigermaßen etwas auf sich hält verzichtet hier auf weibliche Schafe. Wenn beim Schlachter Schaf gekauft wird, möchte man hier gerne noch die Testikel vom Schlachtkörper baumeln sehen. Nur dann kann man sich schließlich sicher sein, daß man die richtige Sorte Schaf kauft. Wie merkwürdig: Wir in Europa versuchen ja eher, den Verzehr von männlichen Schafe zu vermeiden.
Ibrahim, der Hotelbesitzer bringt mir Kräutertee, der Louiza heißt und angeblich genau das richtige Heilmittel gegen die weibliche-Schafkrankheit sein soll. Er ist sehr fürsorglich und besorgt um mich.
Ich trinke brav und gebe nicht zu, daß ich vorsorglich einen Koffer voll Medizin gegen Magenprobleme mithabe.
Ibrahim erzählt mir hinter vorgehaltener Hand, daß Lhassens Familie kein sauberes Wasser hat. Sie kochen mit Flußwasser. Mir graut.
Lhassen kommt mich mit strahlendem Lächeln und einem blutig-roten Krater im Mund besuchen. Der Schlachter hat ihm den Zahn mit einer Elektrikerzange gezogen. Zu ihm gehen auch die Nomaden, wenn sie ihre Zähne billig loswerden wollen.
Das kostet nur 10 Dirham (75 Cent), also hatte Lhassen von den 20 Dirham, die ihm Allah durch mich zukommen hat lassen, noch Geld für eine Mahlzeit übrig.
-Das klingt ja lebensgefährlich, sich vom Schlachter den Zahn ziehen zu lassen-, sage ich entzetzt.
-Nein, nein, der weiß schon, was er tut. Er spült Zange und den Mund mit Chlorin.
10. Vallèe de Dades

Im Bergtal Vallée de Dades war ich das erste mal im Herbst 2002 mit einer Gruppe Architekten unter der Führung von Globetrotter Tom Hatlestad, einem Freund aus meinem norwegischen Heimatort Höyanger.
Damals schon wurde ich restlos in den Bann der außergewöhnlichen Landschaft, Architektur und Bevölkerung gezogen. Eine kleine verschrumpelte alte Berberfrau hatte sich in meinem Gedächtnis eingegraben, die mir den Weg aus einem Pfirsichhain in Ait Arbi gezeigt hat, in dem ich mich heillos verirrt hatte. Sie war so dünn, zäh und leichtfüßig, daß ich ihr kaum folgen konnte. Aber jedes Mal, wenn sie außer Sichtweite verschwand, blieb sie stehen und wartete geduldig auf mich, mit freundlichem zahnlosen Lächeln. Dann sprang sie wieder davon von wie eine Gazelle. Als sie für ihre Lotsendienste am Ende des Pfirsichbaummeeres ein kleines Geldstück bekam, nahm sie meine Hand und küßte sie zart und ehrfürchtig. Ihr Mund war ganz weich und sanft, aber ihre Hände waren hart und rauh wie grobe Holzkohle. Sie hatte unendlich ehrliche dankbare Augen.
Ich schaute mich in den Dörfern des Tales um, das in ca. 1600 Metern Höhe liegt. Im Süden beschützen die Schwarzen Berge, Jebel Sharro das Tal vor dem glutheißen Wind, dem Scirocco, der roten Staub aus der Sahara haraufweht. Die Berge sind randvoll mit Gold, Silber und Edelsteinen. Aber leider gehört alles, was mehr als einen halben Meter unter der Erde liegt, dem König. Und der hat schon mehr Schätze als er überblicken kann.
Jedenfalls hatte mich die Faszination für dieses Land so beim Schopf gepackt, daß ich schon 2003 wieder zurückkehren mußte.
Mein Freund Rachid, beauftragte seinen Bruder Muhammed, den Taxifahrer, damit, auf mich aufzupassen.
-Du brauchst jemanden, der auf dich achtet, der dir helfen und dich beschützen kann. Es wäre viel zu gefährlich, alleine herumzureisen!
Eines Tages bleiben wir bei den Ruinen einer Kasbah stehen, die in den Schluchten unterhalb der merkwürdigen Berge namens Affenfinger liegt. Die Berge heißen so, weil sie wie Wurstpakete oder ineinander verschlungene Finger aussehen. Im Sonnenuntergang nehmen sie eine unwirklich violette Farbe an. Dieses Naturschauspiel muß ich einfach fotografieren.
Als ich auf einem Bergplateau meine Ausrüstung aufbaue, vergeht mir die Fotografierlust allmählich, denn der Boden ist gesprenkelt mit Grashüpferleichen, die verdreht und vertrocknet in der Sonne dörren und aussehen als hätte sie ein schrecklicher plötzlicher Gemeinschaftstod hinweggerafft. Mir wird ziemlich unbehaglich zumute und ich will nur noch weiter. Die Dörrgrashüpfer sind zu unheimlich.
-Gegrillt und gesalzen-, sinniert Muhammed trocken, -so mag meine Mutter die am liebsten.- Er fischt eine leere Plastikflasche aus dem Auto und beginnt sie, mit Dörrsnacks für seine Mutter zu füllen.
In dem Moment kommt die schöne junge Sakina des Weges. Sie lacht geradezu frech, schaut mir dreist ins Gesicht und fragt, ob wir vielleicht Lust auf Tee hätten.
Man kann hier nirgendwo stehenbleiben, ohne auf Tee eingeladen zu werden. Normalerweise schiebe ich Muhammed vor, der die meisten dieser Angebote geschickt und doch höflich abwehrt. Aber bei Sakina mit ihrem jugendlichen Charme ist mir nicht nach Ablehnen. Außerdem haben wir Sakina wahrscheinlich gerade ihre Abendsnacks weggesammelt.
Eine touristische Großzügigkeitswelle übermannt mich und ich bekomme Lust, ihr statt dessen für den Tee, den sich blitzschnell hervorzaubert, Geld zu geben. Es ist eine bräunliche Abkochung von Minze und Bergkräutern und unbestimmbarem Wurzelwerk. Um es trinkbar zu machen ist dieser Tee mit solchen Mengen von Zucker versetzt, daß ein ungeübter europäischer Magen einen Salto durchs Zwerchfell macht. Man nennt das Gebräu Whisky Berbere.
Sakina zeigt mir hingebungsvoll, wie man Grashüpfer richtig schält, Muhammed knabbert friedlich vor sich hin. -Schmeckt wie Shrimp,- behauptet er mit ein paar wenig vertrauenserweckenden Grimassen, während er versucht, ein Stück Chitinpanzer oder Hüpferbein, das sich zwischen seinen Zähnen verkeilt hat, wieder hervorzupulen.
-Aber koste lieber nicht,- warnt er, -Einmal hat sich eine ganze Dorfbevölkerung an Grashüpfern zu Tode gegessen, die leider mit Gift behandelt waren.
Andächtiges Schweigen, leises Knuspern und vielsagende Blicke auf die trocknenden Insektenleichen.
Plötzlich kommt eine Frau mit dramatisch wehenden Armen den Hügel heruntergerannt.
-Sakina!! Du darfst den Touristen keine Grashüpfer geben! Die werden davon krank!- ruft sie
Muhammed kann sie mit der Geschichte von seiner grashüpferbegeisterten Mutter beruhigen.
Die Frau ist sehr erleichtert und lädt uns auf Kuskus ein, wahrscheinlich, damit ich nicht vor lauter Hunger doch noch von den Grashüpfern probiere.
Muhammed ist ein wenig unwillig, aber mir erscheint das eine gute Idee. Ich frage ihn, warum er nicht mitgehen will und er meint, solche Berberinnen können recht gefährlich sein.
Ich bin verblüfft. Nach all den wilden Frauengeschichten, mit denen er auf unseren Fahrten geprahlt hat, fürchtet er sich vor einer harmlosen Berberin?
-Ja, die werden gefährlich. Ich mußte mir neulich eine neue Frau nehmen. Meine alte hat ja angefangen, zu stöhnen, wenn wir in der Nacht zusammen waren!
-Ja und was ist so schlimm daran?
-Ja, direkt davor haben wir ein Parabolantenne bekommen. Und dann hat sie angefangen zu stöhnen. Ich mußte sie natürlich sofort rausschmeißen.
Ich sage nichts mehr und denke mir nur still, was für einen eigentümlichen Privatchaufeur ich da ausgefaßt habe!
-Ja weißt du nicht, wie es den zwei jungen Amerikanern ergangen ist, die bei einer solchen Berberin eingeladen waren? Es stand in jeder Zeitung! Nach dem Essen erzählte sie ihnen, sie sei Witwe und lud sie zum Übernachten ein. Kaum waren sie eingeschlafen, schlich sie sich zu den beiden ins Zimmer, setzte sich frech aufs Bett des einen, riß sich die Kleider vom Leib und schrie “Vergewaltigung!” Ihr Mann, der noch ganz und gar lebendig war und nur im Nebenzimmer gewartet hatte, sprang hervor und erstach beide, bevor sie wußten wie ihnen geschah!
Er nahm sich all ihr Geld und bekam nicht einmal eine Strafe, obwohl schon einige Männer in diesem Haus auf die gleiche Weise in die Falle gegangen waren.
-Ich verstehe,- sage ich und versuche meine Hirnnwindungen um die marokkanische Logik herumzuschlingen, -er konnte ja dem Richter erzählen, sie hätten seine Frau vergewaltigt, nachdem alle Nachbarn das Geschrei bezeugen konnten.- Und weil es mir noch immer keine Ruhe läßt, will schließlich doch noch wissen:
-Aber warum hast du denn jetzt wirklich deine alte Frau verstoßen müssen, nur weil sie gestöhnt hat?-
-Das kannst du dir nicht denken?? Du bist doch sonst so klug,- jammert er leicht verzweifelt,- Zuerst bekommen wir eine Parabolantenne, dann sieht sie heimlich Pornofilme, dann fängt sie an zu stöhnen! Ich kann doch keine Frau haben, die stöhnt wie ein amerikanischer Pornostar!
-Ja weißt denn du so genau, wie die stöhnen?
-Das hab ich doch selbst gesehen!
11. Affenfinger im Sonnenuntergang

Ich nehme die Kuskus-Einladung der Berberin an. Muhammed grummelt unüberhörbar, besonders, als es sich herausstellt, daß sie außer Kuskus weder Fleisch noch Gemüse im Haus hat, und er sie deshalb ins Dorf kutschieren muß, um einzukaufen. Währenddessen packe ich meine Fotoausrüstung auf dem Bergplateau zwischen den Dörrheuschrecken aus. Meine Filmkassetten habe ich leider im Auto liegen lassen, wohl in der Annahme, daß Muhammed früher wieder zurück sein würde als ich zum Aufbauen meiner Ausrüstung brauche. Ich warte und warte, während die Dämmerung langsam über die Berge kriecht.
Ich fange an, die Affenfinger im Sonnenuntergang zu zeichnen, und die abenteuerlichen Kasbah-Ruinen. Je tiefer die Sonne steht, desto psychedelischer werden die Farben, in denen die Berge erstrahlen.
Als Muhammed endlich zurückkehrt, ist er um mindestens drei Schattierungen bleicher als vorher und zittert leicht vor sich hin. Die Berberin hatte natürlich kein Geld mitgehabt. Also mußte er für sie auslegen. Das hätte er ja alles noch ertragen. Aber am Heimweg hatte sie endlich damit herausgerückt, daß sie Witwe sei. Und habe angefangen, ihn mit dem Knie anzustubsen und bei jedem Felsvorsprung zu fragen, ob er nicht aussteigen und die Aussicht betrachten wolle. Dabei war es ja schon beinahe finster.
Es war klar, daß er eine Höllenfahrt hinter sich hatte und die 60 Dirham Auslagen für Lebensmittel gerne samt der Kuskuseinladung vergessen wollte!
Während ich noch versuche, mir über die Tiefe von Muhammeds Berber-Frauen-Angst klarzuwerden, kommt ein stotternder kleiner Fiat den Hügel heruntergehopst. Er hustet und ruckelt bedenklich im Halbdunkel, während pechschwarze Rauchwolken hinter ihm in den Nachthimmel puffen.
Als er an uns vorbeikommt, sehe ich, daß der Auspuff mit Schnur und Maschen notdürtig an der Karosserie festgebunden ist. Über die Schnauze ist Wellpappe mit Silberpapierüberzug gespannt.
Aus dem Do-It-Yourself-Auto hüpft eine Gestalt, die aussieht wie Popeyes ärgster Konkurrent Burtus. Er brüllt vor vergnügtem Lachen, rudert wild mit den Armen, und Sakina springt ihn begeistert an und ruft: Papa! Papa!!!
Ein angstschwitzender Muhammend wispert mir verstohlen ins Ohr: “Was hab ich dir gesagt? Die Berberin ist gar keine Witwe!”
Sakinas Vater stürmt uns entgegen, mit lustig schwingendem Krummsäbel. -Willkommen,- dröhnt er, -Willkommen in Gottes Namen! Willst du ein Messer kaufen? Nur 2000 Dirham! Echter Silberbeschlag. Schaft aus Edelholz aus Libanon. Was willst du bieten? Eine ausgezeichnete Klinge. Riechst du das Zedernholz? Und sie wie die herrliche Klinge sich biegt!” Er demonstriert, wie sich die Klinge elegant biegen läßt. Dann setzt er die Spitze wie ein Zirkuskünstler vor seinem großen Stunt auf seine Handfläche und verkündet:
-Und so scharf! Wenn ich jetzt den Griff auslasse, fährt die Klinge direkt durch meine Hand durch!-
Bevor jemand den Beweis einfordern kann, ist er schon mit großen glänzenden Jahrmarktsverkäuferaugen bei den nächsten Qualitätsdemonstrationen angelangt: Mit einem Stein kratzt er am Metallbeschlag:
-Das ist Silber, ganz echt, und die Scheide ist kunstvoll ziseliert.-
-Ähm, ich sammle keine Messer, ich bin leider nicht interessiert, – schaffe ich es, einen Satz einzuwerfen.
-Aahh, ich habe gleich gesehen, daß du kein gewöhnlicher Tourist bist! Da kann ich dir den Freundschaftspreis anbieten: 1300 Dirham! -
Mein Chaufeur ist schon ziemlich zappelig. Um das Geschwafel zu beenden, biete ich mißmutige 100 Dirham. Ich ernte ein entsetztes stilles “Nein”
Da nehme ich mein eigenes Taschenmesser heraus, das mein Vater gemacht hat, ebenfalls silberbeschlagen, 830S, mit einer Klinge aus Telemarks bester Schmiede und einem Schaft aus Birke. Ich will zeigen, daß ich schon ein Messer habe und keines mehr brauche.
-Das ist 2000 Dirham wert,- jubelte der Sakina-Vater, -da können wir tauschen.-
-Das geht leider nicht, denn dieses Messer hat mein Vater speziell für mich gemacht,- entgegne ich stur.
Da rückt er einen respektvollen Schritt zurück, segnet mit einem Insch Allah meinen Vater, und das Gespräch über Messerverkäufe ist abrupt beendet.
Muhammed hüpft von Fuß zu Fuß und jammert, daß er nicht für meine Sicherheit bürgen kann, wenn ich jetzt nicht sofort mitkomme.
Ich gebe nach, aber wir nehmen noch einen Autostopper mit ins Tal, einen Dorffunktionär, der mir erzählt, daß das Messer, das mir angedreht werden sollte, vor einer halben Stunde um 20 Dirham im Dorf erstanden wurde.
-Aber kein Mitleid, wenn der Trottel mit seinen Geboten so hoch anfängt, daß er um zwei Tageslöhne umfällt, weil er gar nicht verkauft, -sagt der Funktionär geradezu herzlos.
Jetzt, ein Jahr später, bin ich schon wieder im Vallée de Dades, diesmal ganz ohne Privatchaufeur.
Ich treffe Sakina und ihren Vater wieder, und die Wiedersehensfreude ist groß. Ich erzähle, daß ich im Panorama Hotel untergekommen bin aber eigentlich eine private Unterkunft vorziehen würde. Überglücklich lädt mich der Vater ein, bei ihm zu wohnen.
- Du sollst ein eigenes Zimmer bekommen, und ich werde ein Schloß für deine Türe kaufen, einen Tisch und einen Stuhl, damit du gut arebeiten kannst. Ganz gratis sollst du bei uns wohnen. Fühl dich wie zu hause und iß bei uns. Hier ist meine Frau und ihre Schwester.-
Beide sind schöne Frauen, besonders die Schwester, die nur aus Lächeln besteht. Sie ist mir sofort unheimlich sympatisch. In den Armen trägt sie ein Kind, dessen Gesicht von Rotz überzogen ist. Das scheint aber niemandem etwas auszumachen. Ihr Mann ist auch schön und hat ein fein-modelliertes Gesicht und freundliche Augen.
-Wo ist dein Chauffeur,- sagt der Vater, -und warum ist er damals geflüchtet und hat die arme Berberin mit ihrem Kuskus im Stich gelassen? Sie hat sich sehr gekränkt und fragt sich noch immer, was sie falsch gemacht hat.-
Sakina schüttelt den Kopf, lacht ungeniert mit großen weißen Zähnen und durchbohrt mich mit dem Blick ihrer funkelnden großen Augen.
-Er hat doch wohl nicht Angst bekommen, weil sie Witwe ist?- der Sakina-Vater bricht in ein Lach-Geheul aus, brüllt vor Vergnügen, schlägt seine Pranke mit einem herzlichen “Touch” in meine Hand und seine Schadenfreude schallt im ganzen Haus wider.
Ich bekomme Tee, ein paar Brotlaibe, die Sakina gebacken hat, und dann noch mehr Tee. Der Vater ist eigentlich ein unterhaltsamer gut-gelaunter Bursche mit einer Menge Humor. Er hat vier Frauen, und eine in Reserve. Mit ihnen zusammen hat er 19 Kinder, davon 16 Mädchen. Man muß ihm zugutehalten, daß er trotz Elend und Armut unendlich stolz auf alle seine 19 hübschen Kinder ist.
-Du weißt, daß es an dir liegt, daß du nur Mädchen bekommst?- frage ich.
-Nein, nein, das liegt schon an den Frauen.-
-Absolut nicht. Du weißt nur nicht, wie man am besten Jungen macht,- behaupte ich frech und kratze gewaltig an seiner Männerehre. Er sieht mich mißtrauisch an. Frauen und das Reparieren von Autos sind schließlich seine Spezialgebiete. Ich bin mir nicht sicher, ob er sich über mich unwissenden Ausländer nur wundert oder ernsthaft beleidigt ist.
-Du machst es zu oft. Da kommen nur Mädchen raus,- lasse ich die Katze aus dem Sack.
“Touch”!! Brüllendes Gelächter! -Ja, da hast du recht!! Zu oft und mit vier Frauen! Da können nur Mädchen rauskommen!-
Haha!! Handflächen klatschen vergnügt klatschend aneinander und sein Gelächter schallt im ganzen Tal.
“Touch”!!!
12. Kleine Lastwagenchaufeure

Es schneit wieder einmal und ich fahre höher in die Berge hinauf, um dieses seltene Schauspiel genießen zu können. Auf dem Weg treffe ich ein paar fröhliche Schulkinder, die winken und lachen. Sie tragen bündelweise Schnee in den Armen, den sie mit großem Appetit essen. Hier gibt es wohl keine Mütter, die von ihrer Mutter schon 1000 mal gehört hat, daß man keinen Schnee essen darf, weil man davon Würmer im Magen bekommt?
Mitten auf der weißen Mittellinie der Straße hat sich ein freundlich lachender Schneemann aufgebaut. Ein paar kleine Mädchen hüpfen in Jesussandalen ohne Socken um ihn herum. Die Berber nennen sich das “freie Volk” Vielleicht besteht ihre Freiheit darin, ohne Mütze, Schal und Socken im Schnee herumlaufen und soviel Schnee essen zu dürfen wie sie nur wollen. Und zwischen den Autos Fußball zu spielen und Schneemänner nach Belieben mitten auf der Straße zu bauen.
Ich erinnere mich an einen Herbsttag in Sognsvann in Oslo. Ich, meine Frau und mein vierjähriger Sohn Nils gingen am See spazieren und es war eiskalt. Plötzlich hatte Nils Lust, baden zu gehen. Ich war immer schon dafür bekannt, eine lockere Hand in der Erziehung zu haben und glaube an den Wert, Kinder eigene Erfahrungen machen zu lassen, statt sie zu lehren, nur auf übertragene Weisheiten der Altvorderen zu vertrauen.
-Bitteschön,- sagte ich, -geh schwimmen, – und er zog sich nackt aus und warf sich ins Eiswasser.
Eine Familie mit kleinen Kindern kam vorbei.
-Oh! Was der für ein Glück hat!- sagten die Kinder neidig, gut eingepackt in warme Kleidung, aber unfrei an der Hand ihrer Eltern.
Nils ist übrigens nicht krank geworden, nach der Schwimmtour. Aber er wußte danach, warum man normalerweise im Winter eher nicht im Freien schwimmen geht, wenn es irgendwie zu vermeiden ist!
Soviel Glück hatte eine Tante von mir nicht, deren traurige Geschichte mir und meinen Geschwistern oft als Lehrbeispiel erzählt wurde. Angeblich war sie so dumm, trotz des ausgesprochenen Verbots, vor dem ersten Kuckucksschrei (also vor dem Tauwetter) auf einem Stein zu sitzen. Natürlich wurde sie promt lahm davon und starb nach jahrelanger elendiglicher Bettlägrigkeit. So kommt es, wenn man nicht auf die Erwachsenen hört, die schon wissen, was sie einem verbieten, auch wenn man es vielleicht nicht versteht!!
Am Heimweg nach der Begegnung mit den schnee essenden Schulkindern und dem Schneemann-Verkehrspolizisten treffe ich Lhassen, meinen Freund und Helfer. Wir passieren eine Prozession von Frauen, die in Schwarz und Silber gekleidet sind.
-Ein alter Mann ist in der Nacht gestorben,- sagt Lhassen, -gestern hat er gehustet und heute ist er erfroren gewesen. Er hatte eine große Familie und war 104 Jahre alt. -
Aus einem schwarzen Minibus ergießt sich eine schwarz-silberne Flut.
-Das sind die Klageweiber,- sagt Lhassen. Auf ein unsichtbares Signal heben sie plötzlich alle die Arme und brechen in Jammergeheul aus. Da fallen auch die Verwandten mit in das Gewammer ein, weinen und ringen die Hände. Es ist so ansteckend, daß ich all meine Kraft zusammenreißen muß, um nicht mitzuheulen!
-Gottes Wege sind unerfindlich, Insch Allah,- philosophiert Lhassen fatalistisch.
Dieses Talent, alles als Teil von Gottes großem Plan anzusehen, muß es sein, was diese Menschen dazu bringt, ihr armselig und traurig wirkendes Leben auszuhalten.
Wir hören “Allah Akbah”: Gott ist groß, und “Bismilla rakhmani rakhim”: Lob sei Gott, dem Barmherzigen und Gnadenreichen.
Voltaire zerlegt diese Einstellung, daß alles am besten so sei, wie es eben sei (die Welt ist die beste aller möglichen Welten) in seiner köstlichen Satire “Candide” bis ins absurdeste Detail.
Ich denke auch an den frommen Tevje in “Anatevka”, der Gott fragte, ob es wirklich seinen Plan extrem stören würde, wenn ein kleines Mädchen im Winter Socken und Schuhe haben könnte statt barfuß laufen zu müssen!
Ich traue mich das hier nicht zu erwähnen, denn die Leute hier sind so aufrichtig fromm ohne jeden Gedanken an Zynismus. Sie nehmen Gott und den Glauben ungemein ernst.
Als die Berber von arabischen Missionaren bekehrt wurden, vor mehr als 1000 Jahren, sandten die Stammeshäuptlinge ihre Söhne eifrigst nach Kairo in die Koranschule.
Über einen neuen Prediger in meiner Heimatkirche in Höyanger wird berichtet, daß er einen Blick über seine neue Gemeinde warf und mit Donnerstimme ausrief: -Ja, hier hat ja der Satan das Volk im Würgegriff!-
Niemand könnte so etwas über die Berber in Vallée de Dades sagen.
Die Helden des Alltags sind hier die Lastwagenchaufeure. Sie sind die Vorbilder der Jugend. Sie bringen Tabak, Gasflaschen, Opfertiere, Zucker und Olivenöl ins Dorf. Von meinem Hotelfenster aus kann ich die kleinen Buben mit ihren selbstgebastelten Lastwagen spielen sehen. Sie haben sich für ihre Spielzeugautos Straßen gescharrt und sie mit kleinen Steinchen umrandet. Die Autos sind zusammengebastelt aus allem, was man so an Abfall entlang der Straße finden kann. Ihr Mechaniker-werkzeug sind Steine und Feuer. Zum Zusammenbauen dient Schnur und Draht. Die Enden einer Coladose ergeben wunderbare Räder, auf die man Reifen aus Stofffetzen und Schnur montieren kann. Die Spielzeugwägen haben sogar eine Fernsteuerung! Ein fester Draht ist am einen Ende mit der Lenkung verbunden und am anderen Ende mit der Vorderradachse. Dieser Draht endet in einem langen Stab, mit dem man die Autos wunderbar über die Straßen lenken und dabei aufrecht gehen kann! Als Karosserie dient eine leere Plastikflasche oder eine Sardinendose, je nachdem, ob es einen Tanker oder einen Lastwagen darstellen soll. Zwei Räder hintereinander ohne Corpus ergeben natürlich ein Motorrad- es fährt auch etwas schneller und klingt viel gefährlicher als die Lastwägen.
Das Lenksystem funktioniert wunderbar und ist viel würdiger anzusehen als wenn unsere Kinder mit ihren Autos am Boden herumkriechen. Hier hat man volle Kontrolle über sein Fahrzeug, ohne sich bücken zu müssen. Sein Lenkrad hat man ja quasi auch selbst in der Hand. Trifft man ein entgegenkommendes Fahrzeug auf der Spielstraße, hupt man anständig, läßt den Motor absterben, und die Chaufeure nehmen sich etwas Zeit, um sich Neuigkeiten zu erzählen, bevor man weiter seiner Wege fährt. So geht das Stunde um Stunde, gerne auch den ganzen Tag. Die Autos sind einfach genial. Sie sind sogar viel besser als unsere westlichen ferngesteuerte Autos.
Ich habe das mit meinem Sohn probiert: Entweder die Fernsteuerung macht Mätzchen oder die Batterie ist plötzlich aus, jedenfalls tun die Dinger nicht lange das, was man ihnen anschafft und machen dafür stundenlang nur Probleme. Und kaputt sind sie auch immer gleich! Nichts als Frust und Ärger und schließlich ein weiteres Gerümpel mehr im Keller!
Ein kleines Mädchen sieht den herrlichen dichten Lastwagenverkehr und hüpft fasziniert den steilen Steinhang hinab zu den Erdhäusern unterhalb. Ein großer Junge kommt ihr entgegen, packt sie plötzlich, wirft sie sich wie einen leeren Sack über die Schulter, und läuft mit ihr zum Haus, wo er sie freiläßt. Sie jagt ein Huhn ein wenig durch die Gegend, tätschelt den Hund, und dann laufen sie wieder hinauf zu den Lastwagenchaufeuren.
Wie herrlich sinn- und ziellos die Kinder hier herumtoben, an diesem eisigen Wintertag.
Ich bin wohl der einzige, der hier friert, in meinem Bett mit Aussicht auf die Spielstraßen. Ich liege hier mit Mantel und Mütze und unter einem ganzen Stapel von Decken. Ich bin wohl der einzige hier im Tal, der Elektrizität hat, einen Ofen im Zimmer und sogar warmes Wasser. Aber ich friere.
Unten am Bach sehe ich Frauen ihre Wäsche spülen, mit nackten Armen im Eiswasser. Die Wäsche hängen sie zum Trocknen über die Lorbeerbüsche am Bachbett. Bei minus fünf Grad haben die meisten Palmen den Geist aufgegeben. So etwas sind sie nicht gewöhnt.
Ich entscheide mich für eine warme Dusche und finde die Wasserleitungen des Hotels eingefroren vor. Ich bestelle mir statt dessen ein warmes Abendessen bei Ibrahim, dem Hotelbesitzer. Als er serviert, hat er wieder eine Geschichte von Glaoui, dem Verräter für mich. Sie eignet sich leider gar nicht, um Kälte zu vertreiben:
Eines Tages sah Glaoui eine Jüdin, die mit einem ungewöhnlich schönen kleinen Mädchen spazieren ging. Damals, in der Zwischenkriegszeit, wohnten Araber und Juden Seite an Seite. Einige Namen und Ortsnamen bezeugen das noch immer. Rachid, mein arabischer Freund aus Norwegen, wurde neben einer Mosché geboren und hatte als Kind jüdischer Freunde. Er sagt, daß die Amerikaner verlangt hätten, daß alle Juden nach Israel ziehen sollten. Viele Juden traten, extra um bleiben zu dürfen, zum Islam über, sagt er.
Aber zurück zu Ibrahims unterkühlter Glaoui-Geschichte:
-Komm her mit dem Mädchen,- sagt Glaoui zur Mutter. Diese getraute sich nicht zu widersprechen und kam.
-Vertraust du mir?- fragte er das Kind, das ihn unschuldig ansah. Es lächelte: “Ja.”
-Dann schau mir tief in die Augen und blinzle nicht,- sagte er.
Glaoui nahm eine Nadel in jede Hand und trieb beide dem Mädchen mit einem Stoß direkt in die Augen:
-Niemand darf mir vertrauen, besonders nicht schöne Mädchen,- erklärte er kühl.
Die Mutter aber fiel auf die Knie und dankte Gott, daß sie so billig und mit dem Leben davongekommen waren. Wenn es um seine eigenen Drohungen ging, war Glaoui ein Mann, auf den man sich verlassen konnte.
Man sagte, er liebte die Wahrheit, und wollte keine anderen Schätze als die, die er sich selber nahm. Die Ärmsten ließ er meist in Ruhe, denn dort gab es ja nichts zu holen. So sagt man. Aber die Schönheit dieses Mädchens hatte er sich nehmen wollen.
Jetzt friert mir noch mehr.

13. Ein Tintenfaß um 4000 Kronen (400 Euro)
Leider gibt es auf der ganzen Welt nur eine Sorte Tusche, die ich für meine Zeichnungen brauchen kann. Da meine Tuschezeichnungen es aushalten müssen, nachher mit Aquarellfarben koloriert zu werden, kommt nur eine Tusche in Frage, die bei einer solchen Behandlung nicht “blutet”, also in die Wasserfarben verrinnt: Das ist eine speziele Sorte von Sennelier aus Frankreich.
Ich hatte ein Glas mit einer solchen Tusche mit auf meinen Reisen- in Oslo hat es mich 36 Kronen, ca. 3, 50 Euro gekostet.
Eines schönen Tages muß wohl ein wenig Wasser in das Glas gekommen sein (ich habe den starken Verdacht, jemand hat mit etwas Wasser aufgefüllt) , jedenfalls waren in meiner Tusche häßliche schwarze Klumpen. Ich rufe also Sennelier in Frankreich an und bekomme die Auskunft, daß sich die Klumpen wunderbar in Alkohol auflösen. Also fahre ich zu Hassans Apotheke in Boumalne, um Alkohol zu kaufen. An diesem Tag hatte Hassan leider beschlossen, sein Geschäft nicht aufzusperren. . Genauso war es, als ich es tags darauf wieder versuchte. Und ebenso am dritten Tag. Nun ging meine Geduld ein wenig zur Neige und ich fragte Ibrahim, meinen Hotellbetreiber. Dieser wußte zu berichten, daß es in Boumalne sage und schreibe vier Apotheken gäbe. Eine von diesen habe sogar meisten geöffnet! Wenn ich das vorher gewußt hätte, hätte ich nicht drei Tage lang ausharren müssen, ohne zeichnen zu können!
Ich wage einen neuen Versuch am vierten Tag und treffe Jaouad, der promt mit mir mitgeht, um mir zu helfen. Siehe an, Hassans Apotheke hat heute offen.
-Nein, Alkohol ist leider keine Apothekenware”, sagt Hassan, “aber geh doch ins Lazarett, dort haben sie vermutlich welchen!”
Jaouad wird verzweifelt: “Warum sagst du nicht gleich, daß du nur Alkohol haben willst- den hättest du von mir doch gleich haben können!”
Ich bin verblüfft: “Du hast Ethanol? 96%??”
“Ja, warte!” sagt er, huscht davon, und ist gleich wieder zurück mit einer Flasche 96%-igem Ethanol, das seine norwegische Freundin Sissel angeblich von der letzten Reise nach Spanien mitgebracht hat!
Ein Wunder ist geschehen! Nicht weiter darüber nachdenken und ab mit dem Ethanol in mein Tintenfaß! Wir tropfen also Alkohol auf die schwarzen Klumpen, wir rühren zart um mit einem Bambusröhrchen. Die Klumpen lösen sich langsam aber sicher zu einer Ansammlung schwarzer Körnchen. Wir rühren, wir schütteln, und mehrere von Jaouads Freunden kommen nach und nach dazu. Wir trinken Tee und rühren und schütteln abwechslend. Manchmal schütten wir ein wenig Alkohol dazu und die schwarzen Körner werden kleiner und kleiner und die Flüssigkeit klarer und klarer. Wir bekommen auch eine Schüssel mit heißem Wasser, um das Tintenfaß hineinzustellen, damit sich die letzten Klümpchen auflösen können.
Nach einigen Stunden gemeinschaftlicher Arbeit sitzen wir da mit einem Glas mit einem großen schwarzen gummiartigen Klumpen in einer durchsichtigen klaren Flüssigkeit. Es ist klar, daß diese Tusche auf immer und ewig unbrauchbar geworden ist!! Um uns diese Tatsache noch klarer vor Augen zu führen, hat sich auch das Etikett auf der Flasche aufgelöst und hängt in unlesbaren Fetzen und Fragmenten.
Ich fühle mich wie ein auf dem Mond gestrandeter Mann, der entdeckt, daß er sein wichtigstes Hab und Gut auf der Erde vergessen hat.
Aber Jaouad weiß wie immer Rat und ruft seine Freunde in Essaoira an, der Hippie- und Künstlerstadt, in der es allerhand Künstlerzubehör gibt. Der junge Torbjörn Egner, ein in Norwegen berühmter Maler, Illustrator und Kinderbuchautor hatte seine Inspiration für sein vielgeliebtes skandinavisches Kinderbuch über “Volk und Räuber von Kardemommeby” aus Essaoira. Esel und Löwe, die kleinen und eigentlich harmlosenVerbrecher, die immer etwas stehlen wollen, die Türmchen und die weißgekalkten Häuser mit den blauen Türen. Das ist Essaoira.
Leider hat in dieser Stadt noch niemand von meiner Tusche von Sennelier gehört. Nachdem wir die größte Buchandlung in Marrakesch und Casablanca angerufen und ohne Erfolg gefragt haben, wird uns klar, daß wir mit Sennelier in Paris persönlich Kontakt aufnehmen müssen. Natürlich gibt es keine Sennelier-Vertretung in Marokko, aber sie sind gerne bereit, die Tusche auf dem Postweg zu schicken. Das Paket soll ca. 5 Euro kosten und wird ungefähr 4 Wochen brauchen, um anzukommen.
Mit UPS geht das auch in drei Tagen, da kommt es aber schon auf 80 Euro Fracht, alles zusammen 131 Euro. Egal, ich muß meine Tusche haben. So schnell wie möglich.
Ich erlebe den sechsten Tag ohne meine lebenswichtige Tusche und fühle bereits starke Entzugserscheinungen. Außerdem ist es für mich teurer, vier Wochen nicht zu zeichnen als diesen Wucherpreis in Kauf zu nehmen. Ich telephoniere sofort mit Paris und gebe meine Visa-Nummern durch. Am selben Abend erreicht mein Paket Casablanca.
Am nächsten Morgen werde ich vom Zollamt am Flughafen Casablanca angerufen, ich möge doch 1776 Dirham (ca 140 Euro) Zoll und Abgaben überweisen, wenn ich möchte, daß das Paket weitergesendet wird! “Ja soll ich denn von Fracht und Verpackung auch noch Zoll zahlen!” rege ich mich auf.
“Warten Sie ein wenig, legen Sie nicht auf”, heißt es , und ich warte, bis einer neuen Person meine Klage vorbringen kann.
“Einen Moment, ich stelle Sie weiter zu jemandem, der sich auskennt”, sagt Nr. 2. Vier Mal geht das so, dann ist unterbricht die Telephonverbindung. Den ganzen restlichen Freitag geht keiner mehr ans Telephon, wenn ich anrufe.
Hat der muslimische Sabbat gerade angefangen??
Ich rufe meinen norwegischen Freund Thor Arne in Marrakesch an, der sehr gut Arabisch spricht. Ich rufe auch meinen arabischen Freund Rachid in Norwegen an. Keiner weiß Rat. Das Paket ist an Jaouad adressiert, und er-so ließ mich der Zoll wissen- ist nicht als Künstler registriert. Also hat er vor, die Tusche mit Gewinn zu verkaufen, und dafür soll er bezahlen.
“Aber wer im Namen des Allmächtigen würde denn in Marokko 30 Milliliter Tusche um 3000 Dirham kaufen”, ruft Jaouad verzweifelt. Aber die marokkanische Bürokratie ist und bleibt steinhart und hat das Gesetz auf ihrer Seite!
Jaouad übernimmt für mich und ruf t in allen Himmelsrichtungen an. Er möchte das Tintenfaß schon nach Frankreich Retour schicken lassen, aber ich schreie auf, ich muß es haben!
“Am Montag gehe ich auf die Bank und überweise das Geld , und dann ist Schluß mit dieser Geschichte!”, sage ich.
“Sie müssen in die Provinzhauptstadt Ouarzazate fahren, die 120 km entfernt liegt. Dort befindet sich die Bank, die vom Zoll verwendet wird”, gibt man mir als Auskunft.
Allerdings fehlen uns zusätzlich alle Codes und Registrierungsnummern, um das Geld überweisen zu können. Jaouad fängt wieder zu telephonieren an und besorgt alles, Nummern, Codes usw., bis es 11.30h ist, die allgemeine Siesta beginnt und die Banken erst wieder um 14. 30h aufmachen werden. Drei ganz reizende Bankangestellte haben sich den ganzen Vormittag um meine Überweisungsschwierigkeiten gekümmert.
Es ist der neunte Tag, an dem ich ohne Tusche auf dem Trockenen sitze. Jaouad hat bereits 60 Euro ver-telephoniert und ver-faxt, und für seine Arbeitszeit hat er noch gar nichts bekommen, obwohl er sich schon seit Tagen nur um meine Tusch-Affäre kümmert, nur von vereinzelten Tassen Tee weiter angetrieben.
Ich bekomme ein schlechtes Gewissen und lade ihn auf auf ein schönes Mittagessen mit Fleisch und allem Drum und Dran im Restaurant ein. Das kostet hier nur 4 Euro.
Am Nachmittg gehen wir wieder zurück zur Bank und finden heraus, daß wir einen RIB brauchen, von dem ich noch nie gehört habe. Außerdem hat Jaouad nicht genug Geld auf seinem eigenen Konto, um die Überweisung durchzuführen, und Barzahlung wird für Überweisungen nicht akzeptiert! Ich möchte das Geld auf sein Konto einzahlen, aber ich kann nicht sofort registriert werden- das dauert ein paar Tage. Jetzt werde ich langsam ziemlich wütend.
Die Bank schickt ihre besten Fachkräfte- immerhin bin ich Ausländer und ein wichtiger Kunde. Nach einigen Stunden haben wir alle Papiere für die Überweisung zusammen, und wir schicken ein Fax an den Zoll. Es ist sechs Uhr abends am neunten Tag ohne Tusche. Was wird wohl das nächste Problem sein??
Der Dienstag vergeht, ohne daß irgendetwas geschieht. Jaouad telephoniert und telephoniert. Das französische Tuscheglas ist bereits landauf, landab berühmt. Am Mittwoch erreicht es wider Erwarten Ouarzazate. Von dort soll es von einem Bus-Chauffeur weiter mitgenommen werden, der weder lesen noch schreiben kann. In der ersten Stadt, die er erreicht, vergißt er angeblich, die Ortstafel mit der Beschriftung auf dem Paket zu vergleichen und liefert mein Tuscheglas ganz einfach dort ab. So heißt es.
Komischerweise erreicht mich trotzdem die Empfangsbestätigung, aber eben leider ohne das Paket.
Der Postmeister und Freund von Jaouad ist verzweifelt und voll der Scham über seine Landsmänner! Eine lange Runde Telephonate geht wieder los. Zum Schluß findet man heraus, daß mein Tintenfaß offensichtlich ohnehin schon in der Provinzhauptstadt vergessen wurde. Das alles kommt mir schon geradezu surrealistisch vor!
Es wird Donnerstag. Ich habe 12 Tage auf meine Tusche gewartet, und das Glas war jetzt eine ganze Woche lang auf dem Weg von Casablanca. Eine Woche mit UPS kostet 34 Euro, nicht 80.
Eine weitere Woche mit unglaublichen Verwirrungen und Verwicklungen vergeht. Dann bekomme ich plötzlich einen unheimlichen Anfall von Raserei und schreie herum, ich werde sofort meinen Anwalt anrufen!
Jaouad wird bleich wie ein Laken und rennt den steilen Hügel zum Postamt hinauf. Fünf Stunden später ist er zurück. Er habe ein Taxi nach Ouarzazate genommen. Dort stand dann ein kleiner Bub mit dem UPS-sack und wartete auf der Straße vor einem Haus.
Wirklich? Ein kleiner Bub? Wunderbar. Spät am Samstagnachmittag wartete ein kleiner Bub in Ouarzazate mit meinem Postsack auf Abholung meines Tintenfasses?? Hm…
Aber völlig egal, egal. Hauptsache, meine Tusche ist endlich da. Was hat das Taxi gekostet?
Wir gehen in ein Restaurant. Mitten am Tisch thront mein Tintenfaß um 400 Euro und leuchtet mir mit seiner schwarzen Seele entgegen. Daneben steht mein altes Glas mit seinem schwarzen Klumpenherzen. Der afrika-orange Sonnenuntergang zaubert ein schönes Farbenspiel in das dicke Glas.
Um 400 Euro kann man hier einen Monat lang Vollpension im Hotel Panorama genießen. Ich schäme mich geradezu vor meinem Hotelbetreiber Ibrahim, der jetzt erfahren mußte, wieviel ich bereit war für ein lächerliches Tintenfaß zu bezahlen. Ich murmele etwas davon, daß die Zeitung, für die ich arbeite, die Rechnung zahlt.
“Natürlich”, sagt er, “Ohne Tusche gibt`s ja keine Zeichnungen für die Zeitung.” (Noch weiß er gar nicht, daß ich eigentlich hier bin, um ein Schloß zu kaufen!)
Mein Freund Ali, der viel in Europa war, hat auch von der skandalösen Tusche-Geschichte gehört. Er lacht und sagt, Jaouad hat mich ordentlich hereingelegt!
“Das werde ich untersuchen”, meint er. Nach ein paar Wochen sind er und Jaouad die allerbesten Freunde geworden. Ich frage Ali, wie es mit den Untersuchungen vorangeht. Er sagt: “Du bist doch nicht dumm. Du mußt doch wissen, wie so etwas geht.”
Gut, ich habe eingesehen, daß das alles ein Streich von Jaouad war, aber ich ziehe den Hut vor der meisterlichen Ausführung.
Wie sind noch immer Freunde, Jaouad und ich.
14. Das Welterbe Ait ben Haddo und andere bewahrenswerte Traditionen
Ait ben Haddo liegt einige Kilometer von der Hauptstraße entfernt an der alten Karawanenstrecke, die zu Glaouis Steinschloß in Telouet führt, von dem ich bereits erzählt habe.
Tatsächlich wissen wir alle genau, wie es dort aussieht: haben wir doch die berühmten Filmszenen gesehen, die dort gedreht wurden: Zuletzt wurde dort der Wikingerfilm “Arn” gedreht, davor unter anderem “Der Gladiator”, und wahre Filmenthusiasten haben wohl auch noch die unvergesslichen Bilder aus Hollywoods “Cleopatra”-Film mit Richard Burton und Elizabeth Taylor deutlich vor Augen.
Ich jedenfalls freute mich darauf, in Ait ben Haddo fotographieren zu können. Die Gegend steht auf der Welterbe-Liste, und da es deshalb nicht an Geld mangelt, wird sie hervorragend restauriert und in Schuß gehalten.
Ein Bursche begleitet mich wieder einmal, um mir beim Finden eines guten Weges zu helfen. Deshalb traue ich mich auch, über die den Fluß zu fahren, der die Stadtmauer entlangführt. Es gibt nämlich keine Brücke hier, sondern nur eine Art seichte Trasse für Geländefahrzeuge. Mit meinem Sportwagen bleibe ich natürlich sofort im Flußsand stecken. Aber wie aus dem Nichts tauchen Scharen um Scharen von Kindern von überallher auf und in Null-Komma-Nichts haben sie mein Auto auch schon an Land gezogen!!
Diese Art von selbstverständlicher Volks-Selbsthilfe ist wirklich einzigartig. In Norwegen wäre ich in der Bredouille hängengeblieben und hätte wohl einen Abschleppdienst von meinem Autofahrer-Club rufen müssen!
Ich bin also gerettet und kann meine Großformat-Fotoausrüstung auspacken und meine Stative aufbauen. Ich will auf genau die richtige Schattierung von scharlachrotem Sonnenuntergang warten. Während ich warte, fange ich an, ein wenig vor mich hin zu zeichnen.
Ich habe genau eine Großformat-Platte in meiner Filmkassette dabei, ein teures 8 X 10 Zoll-Farbnegativ, das ich mir für das optimale Licht aufheben will.
Da kommt ein Wachmann des Weges.
-Ob ich wohl eine offizielle Erlaubnis zum Filmen habe?
-Nein, aber ich will auch nicht filmen, sondern nur fotographieren. Dafür braucht man wohl keine Erlaubnis, hoffe ich. Alle Touristen fotographieren hier schließlich hemmungslos vor sich hin, ganz ohne Lizenz.
Mein Helfer-Bursche raunt mir ins Ohr, ich solle dem Wachmann doch einfach 1o Dirham für eine “Lizenz” geben, dann ist er zufrieden.
Aber der Wachmann will von Bestechungen nichts wissen und besteht gut gelaunt aber beharrlich darauf, daß ich meine Kamera einpacken und abziehen muß, wenn ich keine Film-Lizenz habe.
Ich demonstriere ihm das Innere meiner Großformat-Kamera: ganz leer, nur die Linse und die Innenseite des Balges, kein Film, und schon gar keine Mechanik!
Ich zeige ihm auch meine originalverpackte Filmkassetten,ein in schwarzes Plastik verpacktes Paket in A4-Größe, ca. einen Finger dick.
-Was soll das sein?- fragt er mißtrauisch.
-Eine Negativ-Filmplatte.
-Aha! Also doch Film!!- und er öffnet das schwarze Plastik, und mein Negativ verbrennt natürlich rettungslos!
-In Ordnung, du darfst Fotos machen-, erlaubt er mir jetzt gönnerhaft, jetzt, wo mein einziges Negativ unbrauchbar ist, -Aber nur wenn du mich dafür mit dem Auto in Stadt mitnimmst.-
Ich seufze, knirsche innerlich ein wenig mit den Zähnen und packe langsam meine Malsachen und die Kameraausrüstung wieder zusammen, während mein sehnsüchtig erwartetes Scharlachrot sich hohnlächelnd über den Horizont ergießt.
Dafür zeigt mir der Wachmann am Rückweg einen besseren Platz, um den Fluß mit meinem Auto zu überqueren. Diesmal bleibe ich nicht stecken und keine Kinderscharen erscheinen aus dem Nichts wie die Erdhörnchen!
Mein Wachmann erzählt mir, daß er nie in der Schule war, aber von den Touristen Französisch gelernt hat. Er ist noch immer in glänzender Sonntags-Laune, als er aus meinem Auto steigt, das er begeistert beschreibt als “fast wie ein Flugzeug”. Seine Freunde scharen sich in begeisterten Horden um uns herum und ich bekomme mehrere Einladungen zum Tee, und ein kleiner Bub reißt sich darum, um den Preis von 3 Dirham (20 Cent) auf mein Auto aufzupassen, bis ich wieder zurück bin.
-Gib ihm das Geld erst, wenn du zurückkommst, – empfiehlt mir der Wachmann, -Wenn der erst sein Geld hat, ist der über alle Berge!-
Und hier ein paar Geschichten, die hervorragenden, wenn auch ein wenig provokanten Diskussionsstoff für Westler bei einer gepflegten Tee-Runde abgeben, und meiner Meinung nach nicht minder großartiges und bewahrenswertes Welterbe sind!
Das Mädchen, das nicht essen wollte
Ein kleines dünnes Mädchen in seinen Teens saß den ganzen Tag nur herum und starrte vor sich hin- Abgemagert und schwach war sie geworden, aber sie wollte einfach nichts mehr essen.
Der Arzt der Familie war ein gebildeter Mann, der in Montpellier in Frankreich studiert hatte. Er verordnete Vitamine und Spritzen, aber es wurde immer schlimmer mit dem Mädchen, sodaß man am Ende den lokalen Hexendoktor holen mußte. Er durfe mit dem Mädchen alleine sprechen und fand heraus, daß sie offensichtlich vergewaltigt worden war. Ganz in der Tradition ihrer Kultur war damit für sie ihr Leben zu Ende und nicht mehr lebenswert, denn jetzt konnte sie ja nicht mehr verheiratet werden.
Der Hexendoktor sprach also mit Vater und Bruder und erklärte diesen, daß ein böser Geist, ein Djinn, in ihr Residenz aufgenommen hatte. Aber keine Sorge, den Djinn könne er schon austreiben. Es gäbe nur einen geringfügigen Haken, denn der Djinn sei von einer solchen Sorte, daß man ihn derart ausgetreiben müsse, daß das Mädchen nachher leider technisch keine Jungfrau mehr sein würde!
Großes Jammern und Zähneknirschen bei Vater und Bruder! -Ja könne man den Djinn denn nirgends anders austreiben, etwa bei der Nase oder durch den Mund?
-Nein, leider, nicht diese spezielle Sorte Djinn. Keine andere Möglichkeit.
Man holte also feierlich den Imam, der mit loderndem Seelenfeuer aus dem Koran las. Und während einer schauerlichen Prozedur trieb der Zauberkundige den Djinn aus, daß das Blut in hohem Bogen spritzte und Vater und Bruder noch zwei Wochen später die Haare zu Berge standen.
Aber das Mädchen war am Tag danach wieder lustig und munter und bei hervorragendem Appetit. Und sie hatte eine offizielle Bescheinigung, daß ihre Jungfräulichkeit unter Beisein des Imams während der Austreibung eines bösen Geistes verloren gegangen war, und durch nichts Schlimmeres. Also war sie auch wieder uneingeschränkt heiratstauglich.
Möglicherweise eine drastische Methode, aber wie viele Jahre qualvoller und kostspieliger Gesprächstherapien hätte es in Europa wohl gebraucht, um dieses Mädchen wieder glücklich zu machen?
Die Besessene
Diese Geschichte habe ich von einem Studienkollegen, einem Arzt und Spezialisten für Tropenmedizin. Peter Dvergsdal war selber bei der folgenden Seance dabei, als er bei den Eingeborenen im tiefen afrikanischen Dschungel wohnte.
Dort gab es einen Mann, der mit seiner Ernte großes Pech gehabt hatte. In der Folge geschah es, daß aus den Vorratslagern seiner Nachbarn immer wieder Lebensmittel verschwanden.
Man schickte nach dem Hexendoktor. Dieser versammelte die Dorfbevölkerung um sich und begann mit großem Brimborium Knochen und Stöckchen zu werfen und aus diesen zu lesen.
Nachdem er eine Weile gesungen und geworfen hatte, eröffneten ihm die Knochen, daß ein böser Geist von einem armen Mann im Dorf Besitz ergriffen hatte.
Kaum hatte er das verkündet, da begann auch schon der böse Geist zu fluchen und zu schimpfen, daß sich die Balken bogen, die Deutungen des Zauberkundigen zu verfluchen und ihn auf das Gröbste zu beschimpfen! Jedermann konnte sofort hören, daß es der böse Geist war, der hier aus dem Mund des armen Nachbarn sprach, denn solche Worte und eine so rauhe wilde Stimme hatte dieser sonst noch nie gebraucht!
Der Zauberkundige erhob sich in seiner ganzen Pracht und beschwor den Geist, die Seele des armen Mannes loszulassen, aber der Geist bemächtigte sich der Füße des Mannes und lief mit ihm davon.
Das ganze Dorf natürlich in wilder Jagd hinter ihm her, mit allem, was sie an Stöcken, Knüppeln und Peitschen auf dem Weg aufgabeln konnten. Das Geheul und Geschrei des gejagten Geistes zog vom einen Ende des Dorfes zum anderen, während er im Körper des armen Nachbarn zu entkommen versuchte und über Stock und Stein gejagt wurde!
Nach einer guten Runde herzhaftem Chaos, Geschrei und Gejammer fuhr schließlich der böse Seelengeist in der Form eines kleinen schnellen Tieres aus dem sich am Boden unter den Schlägen der Nachbarn windenden Mannes heraus und raste in Richtung Dschungel davon, gejagt von der Dorfbevölkerung, die jetzt von ihrem armen Nachbarn ablassen konnte.
Der diebische Geist war hiermit verjagt und der Mann, von dem er Besitz ergriffen hatte, war befreit, und wurde auch nie wieder von einem diebischen Geist heimgesucht.
Wie machen wir so etwas in Europa: Wir finden den Dieb, werfen unseren sündteuren Rechtsapparat an, mit Richtern und Anwälten und Prozessen, und schließlich Gefängnissen, in denen dem Dieb erst so richtig klar gemacht wird, daß er zur Bevölkerungsgruppe der Verbrecher gehört. Was er vorher noch nicht über seine Zugehörigkeit zu dieser Identitätsgruppe und über die Tricks und Kniffe derselben gewußt hat, das lernt er jetzt dazu, von seinen neuen Freunden und Gleichgesinnten, den Kriminellen. Und auch, wenn er frei kommt, wird er in seinen eigenen Augen, sowie in den Augen seiner Umwelt nie wieder etwas anderes sein als ein Verbrecher.
Unser afrikanischer Dieb ist nach seiner Geisterbehandlung ein freier, ehrlicher, voll rehabilitierter Mann, der auch niemals ein Dieb war, sondern nur das Opfer eines Geistes, der in den Dschungel gejagt wurde und jetzt ein für alle Mal weg ist. Außer einem effektvollen Zauberkundigen mit ein wenig Charisma, sowie dem was an Knüppeln und Ästen so im Dorf herumliegt, braucht man für seine Resozialisierung keine weiteren Resourcen!
Wohlgemerkt ist mir nicht ganz klar, wie der Trick mit dem kleinen flinken Geistertier bewerkstelligt wurde, das plötzlich unter dem Geschlagenen hervorgezischt sein soll, wie Peter mit eigenen Augen gesehen hat, aber jeder Hexendoktor hat wohl seine besonderen Tricks, auf die er zurückgreifen kann!
Wenn das jedenfalls kein bewahrenswertes Welterbe ist, weiß ich allerdings nicht, was sonst diesen Titel verdienen würde!
15. Gesang der Dünen
Der norwegische Dichter Arne Garborg sagt, nichts ist so groß wie das Meer. Aber wenn man die Wüste erlebt hat, dann fühlt sich dieses unermeßliche Meer aus Sand noch viel größer und mächtiger an als das Meer aus Wasser. Die Sahara dehnt sich über ein Drittel von Afrika aus. Auf dem Kamelrücken reist man 57 Tage von Zagora nach Timbuktu. Kein weißer Mann soll diese Reise bisher überstanden haben.
Ich will mit meinem Freund Jaouad dorthin. Will diese sagenumwobene größte Wüste der Welt sehen, die wohl Tausende unentdeckte Schätze für ewig verborgen hält. Zu den 200 Meter hohen wandernden Sanddünen von Merzorga will ich.
Mein Auto kann ich hier vergessen. Jaouad hat ein für diese Tour besser geeignetes Fahrzeug gemietet, einen kleinen Fiat-Geländewagen. Nach einer Tagesreise tauchen Merzogas berühmte rosa Dünen am Horizont auf. Der bevorstehende Sonnenuntergang beginnt, mit dunkelroten Schattierungen ein prägnantess charfes Relief zu malen.
Es sieht eigentlich aus wie die Berglandschaften Norwegens im Osterschnee, wohlgemerkt betrachtet durch eine rosarote Brille.
Dort klettern Touristen die Sandhügel hinauf, so wie bei uns früher die Schifahrer, die sich erst langsam die Berge hinaufkämpfen mußten.
Nur die Kamele, die am Fuß der Dünen vor sich hin kauen werfen mich wieder aus meiner rosaroten Norwegen-Illusion.
Wir sind eingeladen, in einem Berber-Zeltlager die Nacht zu verbringen.
Vor dem Lager räkelt sich ein mächtiges BMW-Motorrad. Es glänzt überheblich blinkend in seiner Pracht aus blankem Chrom, und chremegelbem und leuchtblauem Glanzlack.
Ein altes holländisches Ehepaar steht verloren herum und starrt in den roten Sonnenuntergang. Sie sind mit ihrem Wohnwagen angereist. Der Mann fällt mit einer Glorie von einem weißen Engelshaar-Schopf über dem kanllroten Pullover auf, sie stört mit einer blauen Windjacke das monochrome Farbschema.
Die beiden haben etwas Dramatisches an sich, wie sie so dastehen. Wenn das die Eröffungsbilder eines Films wären, wüßte man, daß dies der letzte Abend vor dem Weltuntergang, oder zumindest einer großen Katastrophe sein muß.
Ich bin alleine und frischgeschieden und diese beiden stehen hier in stiller, wortloser Eintracht am Ende eines langen, guten gemeinsamen Lebens im Saharasonnenuntergang. Alle ihre Bewegungen sind wie telepathisch aufeinander abgestimmt, als wäre jeder das Spiegelbild des anderen. Gleichzeitig drehen sich beide langsam um, wie in einer mühsam einstudierten Choreographie, um nach langen, satten Tagen auch noch die Düne hinter sich in Augenschein zu nehmen, die wie eine zufriedene Riesen-Götterfrau mit einladenden Brüsten und Schenkeln bereit liegt. Ich fühle die vibrierende Einladung der Wüstengöttin, die mich in ihre Weichheit und Wärme einlassen will, und mit ihrem warmen, allumfassenden rosa Sand all meine Schmerzen zu heilen und Wunden zu schließen verspricht.
Ich bin das Motorrad, der harte, brüllende, blanke Stahl, der im Sand tiefe Furchen zieht und Staub aufwirbelt, aber unweigerlich versinken muß und von der Wüste verschlungen wird, ob er will oder nicht.
Nichts kann hier auf Dauer der ewigen Wüste standhalten, alles wird langsam überspült, integriert, ausgelöscht, auf Nimmerwiedersehen spurlos verdaut. Die Wüste liegt jeden Tag wieder gleich unschuldig und jungfräulich ausgebreitet da. Sie ist immer jung. Was alt zu werden droht, verschlingt sie vorher.
Im Zeltlager serviert man eine seltsame farblose zähe Suppe und einige bedenklich kleine Fleischstückchen auf Spießen. Dann beginnen die Kameltreiber zu trommeln. Dazwischen lassen sie schallende gutturale Wüstenjodler hören. Jaouad sagt, das ist ihre musikalische Umsetzung der Wanderung der Touareg nach Timbuktu.
Die Gutturallaute sind die Kamelkommandos, mit denen sie ihre Reittiere auf der Reise anleiten.
Das Getrommel dauert und dauert, und nach fortschreitend anstrengenden Stunden des Zuhörens hoffe ich inständig, daß die Toureg demnächst am Reiseziel ankommen werden!
Auch die Trommler scheinen erleichtert und glücklich, als sie “ankommen”. Viele blasen sich die wundgetrommelten Finger, schütteln sich den Muskelkater aus den Armen und versuchen, eingeschlafene Beine wieder wachzuschütteln.
Timbuktu in Mali steht für schwarze Sklaven, Gold und Edelsteine. Das Wort hat einen magischen Klang. Timbuktu, das klingt wie ein schöner aber vergessener Traum und ruft Kindheitsvisionen von Geschichten aus Tausend-und-einer-Nacht hervor!
Von Abrahams Zeiten an hielten sich die Araber und Berber gerne zusätzlich schwarze Sklavenfrauen, um in ihren Beziehungen zu ihrer Lieblingsfrau keine Langeweile aufkommen zu lassen. Je südlicher man reist, desto schwärzer wird die Haut der Menschen. Hier in der Gegend ist sie schon ziemlich dunkel.
Durch die Zeltleinwand können wir im Feuerschein gerade noch die Silhouetten von schwarzgekleideten Frauen erkennen, die da draußen noch immer arbeiten und Tontöpfe hin und her schleppen.
Ein englischer Globtrotter sitzt neben mir und ich sinniere vor mich hin, daß all diese Verschleierungen und Stoffbahnen, in die sich die Frauen hier hüllen, doch etwas unerklärlich Erotisches an sich haben.
Er lacht trocken, als wüßte er genau, wovon er redet: Die Stoffbahnen verdecken nur das Ärgste des strengen Geruchs!
Ich träume weiter von Duftwolken von mindestens Damaskrosen, Weihrauch, Moschus und Ambra. Hat nicht Maria Magdalena Jesus’ Füße mit Nardussalbe gesalbt und sie ihm dann mit dem eigenen Haar getrocknet. Solch eine Frau müßte man haben. Ich schwelge und zerfließe in romantischen Vorstellungen. So wunderschön…
Mein Globtrotter denkt an ganz Anderes, er weiß, was läuft, hat Größeres gesehen, gibt nichts auf Illusionen.
Am nächsten Morgen, eine gute Weile vor Sonnenaufgang, bin ich auf dem Weg hinauf auf die rosa Dünen. Ich will unbedingt den Sonnenaufgang hier erleben. Grieg war hier und hat vor über hundert Jahren von der Spitze der Kheopspyramide aus die Sonne aufgehen sehen. Da ist ihm die “Morgenstimmung” aus seiner Musik zu Ibsens gr0ßem Schauspiel “Peer Gynt” eingefallen. Wie eigentümlich, daß genau dieses Stück, das mit seinen arabischen Tongirlanden international wohl das Paradebeispiel für nordische Musik und Natur geworden ist.
Grieg meinte doch damit den Sonnenaufgang in der Wüste! Hier sehe ich Griegs Inspiration endlich mit eigenen Augen: Langsam rieselt erstes Licht über den Wüstenhorizont und kriecht in den Himmel empor.
Vor meinem geistigen Ohr höre ich die sehnsüchtig suchenden zarten Flöteneinsätze, bevor hundert Violinen in die Stille hineinrauschen. Hier schert die Sonne mit ihrer pulsierenden Kraft durch den Sand, und die zarten jungfräulichen Dünenhügel werfen lieblich hellblaue Schatten in den rötlich aufglühenden Sand.
Na los, alter Grieg, fahr auf mit all deinen Geigen, dazu bitte noch recht viele Bläser, Harfe, Engelschor und Pauken. Für die optische Umsetztung noch ein paar kitschige Vögelchen, die sich auf zitternden Morgenflügeln in die leuchtende Luft schwingen.
So rollt sich unser herrlicher, durchs All schwebender Planet Tag für Tag der liebenden Umarmung der warmen, einladenden, heiligen Sonne entgegen, ohne die er nicht leben kann. Genau so soll es sein!
Blauer Rauch steigt zwischen den Berberzelten da unten auf. Die Frauen backen das Morgenbrot. Das Zeltlager wirkt unbeschreiblich chaotisch und unordentlich. So fern von unseren norwegischen Pfadfinderlagern, in denen wir auf Ordnung gedrillt wurden.
Als ich wieder von meiner Düne heruntergewuselt bin, habe ich das Frühstück versäumt, bin aber bärenhungrig. So beeindruckend der Sonnenaufgang in der Wüste auch ist, merke ich jetzt doch an meinen klappernden Zähnen, daß es für mich armen alten Norweger in der morgendlichen Sahara viel zu kalt ist!!
16. Saharas Urzeitmonster und Fettbürzel
Wir sind auf dem Weg heraus aus der Wüste. Nach einigen Stunden mühsamer Buckelpistenfahrt erreichen wir endlich die erste asphaltierte Straße. Hinter uns liegen die Dünen Merzogas in rosa Wellenbögen am Horizont. Unsereiner ist mit gleichbleibenden Silhouetten aufgewachsen- hier dafür erblickt man jeden Tag ein neues Panorama, denn diese Hügel fließen ständig und haben täglich neue Formen, Gipfel und Täler.
Die Wüste wandert im Lauf eines Menschenlebens empfindlichweit ins Land hinein, das sie unerbittlich auffressen will. Unsere zahmen Berge wandlen zum Glück so langsam, daß uns kleinen kurzlebigen Menschen davon nicht schwindlig zu werden braucht.
Vor 500 Millionen Jahren gehörte diese Welt den Trilobiten, und die norwegischen Berge waren noch nicht geboren.
Die Sahara-Wüste lag noch am Grunde des Meeres, das Mekka der Trilobiten, denn hier in der Wüste findet man noch immer mehr als 10000 verschiedene Arten von ihnen in der Form von Fossilien!
Jaouad hat einen Feund, der in einer Fabrik arbeitet, die solche Fossilien verarbeitet und verkauft. Er organisiert für mich einen Tag der offenen Tür in der Trilobitenfabrik. Die merkwürdigsten versteinerten Geschöpfe liegen hier in Reih und Glied, wie eine Ideensammlung oder eine Anhäufung von Entwurfsskizzen. Die eigentümlichsten Details finden sich dabei. Manche schauen lieb, freundlich und harmlos aus, andere wirken mit ihren grausigen Greifklauen und Tentakeln und Beißwerkzeugen in ungeraden Anzahlen wie gefährliche Monster, bereit zu allem!
Einer dieser unheimlichen Unholde hat gar eine Gabel auf der Nase, um seine Feinde aufzuspießen. Eine Welt voller Miniteufel und Bonsai-Dämonen! Als ich einen in die Hand nehme und mir genauer betrachte, läuft es mir kalt über den Rücken. In welchem Albtraum ist mir dieses speziell panikerweckende Exemplar schon begegnet?
Plötzlich kommt es mir: natürlich! Im Film “Aliens”! Offensichtlich hat sich der Alien-Designer Giger von diesen Urzeitmonstern inspirieren lassen!
Hätten sich diese Monster im Lauf der Evolution noch zu gigerischen Aliens weiterentwickelt, wenn nicht der Erzengel Michael in seiner Vorraussicht den Garten Eden, der die Sahara einst war, zu einer Wüste ausgedörrt hätte, um ihnen kurzerhand die Lebensgrundlage zu entziehen??
Ich höre in meiner Phantasie das Echo eines Krieges zwischen Himmel und Erde wie der englische Poet John Milton es in seinem “Paradise Lost” schildert.
Nach einer Weile erhole ich mich von meinen Horror-Träumerein und werde wieder geistesgegenwärtig genug, um mir eine schöne Auswahl der bizarrsten Exemplare zusammenzustellen! Ich finde auch ein paar wunderschöne Achate und Wüstenrosen!
Aber es wird leider nicht ganz so billig, wie Jaouad es mir in Aussicht gestellt hat. Jaouad hatte mir versprochen, daß der Besitzer sich nicht trauen würde, mit mir zu handeln, um den Preis zu treiben. Aber nachdem uns der Sohn des Besitzers herumgeführt hat, verschwindet der gerissene Jaouad im Büro des Chefs, “um etwas Privates” zu besprechen, und am Ende der Tour beläuft sich meine Trilobiten-Rechnung auf genau den gesamten Betrag, den ich einstecken habe.
Einige Tage später kommen wir in Jaouads Heimatstadt, die große und schöne Provinzhauptstadt Er Rachidia, mit seinem weltbekannten Krankenhaus und seinen Hochschulen. Hier gibt es Tee und gebratene Sardinen zum Mittagessen in Jaouads Heim, Sein Haus ist voll mit wunderschönen unverheirateten Schwestern, die uns das Essen auftragen, aber am selben Tisch mit uns Männern essen dürfen!
Alle Frauen hier grinsen verlegen und lachen und freuen sich ganz offensichtlich, ihr leicht verrostetes Englisch aus der Versenkung holen zu können- Nur die Mutter trägt einen Hidjab, die Mädchen nicht, denn sie haben Schulbildung und können lesen und schreiben. Der Vater ist der Direktor der Schule, ein stiller, bescheidener Mann in einer zerschlissenen braunen Kappe. Es ist ihm wichtig, daß die Mädchen sich selbst ernähren können.
Die jüngste lacht unaufhörlich und schwingt dabei elegant ihren prachtvollen Riesenhintern.
-Sie bekommt als erste einen Mann,- erklärt mir die Mutter vergnügt, und bricht dabei fast ab vor Lachen. Die Mutter ist, im Gegensatz zu ihrem schweigsamen Mann eine aufgeweckte, vor Lebensfreude aus allen Nähten platzende Person. “Fünf Mädchen und ein Sohn!” zählt sie mit den Fingern ab und bricht wieder in ihr ansteckendes Lachen aus.
-Ich weiß ja, daß es meine Schuld ist, -gibt sie unter Lachtränen zu, -Wir haben schon ganz jung geheiratet, und sofort begonnen, Kinder zu bekommen.-
Je unbeherrschter sie lachen muß, desto verlegener schaut ihr introvertierter Schuldirektors-Mann zu Boden.
Fünf Töchter sind hier wohl etwas viel des Guten! Aber die Mutter nimmt die Schuld gut gelaunt auf sich – schließlich waren sie so jung, als sie mit der Kinderproduktion angefangen haben, da können ja nur Töchter rauskommen. Und der Vater scheint alle seine wohlgekleideten und schulgebildeten Töchter aufrichtig zu lieben.
Man sieht in jedem seiner Blicke, die an ihnen vorschweifen, wie stolz er auf sie ist. Aber zugeben würde er das natürlich nie. Die Mutter bekommt jedenfalls einen etwas vorwurfsvollen Blick für ihre freizügigen Späße. Er ist schließlich ein gottesfürchtiger Mann, ein guter Moslem, der fünfmal täglich betet und den Armen Geld schenkt.
Der große Bruder Jaouad ist auch auffallend still während der Erläuterungen seiner Mutter. Hier scheinen die Frauen das Ruder in der Hand zu haben.
Als wir uns verabschieden und gehen wollen, muß ich doch noch fragen, wo denn eigentlich die fünfte Schwester geblieben ist. Kaum war ich gekommen, als sie schon mit großen ernsten Augen auf dem Absatz umdrehte, verschwand und nicht mehr gesehen ward.
-Die hat sich nicht getraut zu bleiben, -erklärt Jaouad vertraulich, -Sie hatte Angst, pausenlos über dich lachen zu müssen, besonders wenn sie Englisch reden hätte sollen! Das letzte Mal, als ich mit meiner norwegischen Freundin Sissel hier zu Besuch war, hat sie andauernd gelacht, bis Sissel auf den Tod beleidigt war. Mit deinem langen Bart hättest du ja auch gedacht, daß sie dich auslacht! Das wollte sie auf keinen Fall, und deshalb ist sie gleich geflüchtet, bevor die ersten Lachanfälle sie überkommen konnten!-
Dann habe ich die ärgste Lachwurzen ja gar nicht kennenglernt, denke ich. Kein Wunder, daß die Männer im Haus hier so still geworden sind. Und laut frage ich noch: -Und warum meint deine Mutter, daß deine jüngste Schwester als erste einen Mann findet?-
-Jede Menge Männer sind schon hinter ihr her, – gibt Jaouad verlegen zu. Ich denke an meine Jugend in Höyanger, als das Schönheitsideal bei Frauen in erster Linie jede Menge Holz vor der Hütte verlangte. Aber ich wage es nicht, das zu sagen, dann ich sehe noch immer zu deutlich den Riesenhintern vor mir, dessen Wogen sich in meine Retina eingebrannt hat. Die Jüngste hatte eindeutig den Größten und es fällt ihr nicht im Traum ein, das geheim zu halten.
Rachid hat mir als erster davon erzählt: Im Westen von Marokko, speziell in Mauritanien hat ein Mädchen keine Chance, geheiratet zu werden, wenn sie nicht einen möglichst ausladenden Hintern hat. Hat sie einen Walnußpo, muß die Mutter dafür sorgen, ihn entsprechend aufzupäpppeln. Wenn sie die mütterlichen Diätvorschriften nicht befolgen will, kann sie sogar unrühmlich aus dem Haus gejagt werden.
Hier in Marokko ist man natürlich zivilisierter, aber Rachid sagt, in Mauritanien kann das immer wieder vorkommen. Im allergrößten Notfall, und wenn alle Süßigkeiten fehlschlagen, kann man noch die Dienste der Dorfhexe in Anspruch nehmen, die mit der relativ modernen Methode einer Salzwasserinjektion in den fraglichen Körperteil, sowie einer Fett-Diät dafür sorgt, daß das Mädchen doch noch unter die Haube kommt. Natürlich ist das mit der Salzwasserspritze verboten, aber wer achtet auf so etwas in Mauretanien… Rachid schüttelt nur weise-wissend das Haupt.
Blättern wir in unserern eigenen europäischen Geschichtsbüchern ein wenig über 100 Jahre zurück, finden wir da ein ähnlich Schönheitsideal!
Unter den Kleidern trug man festgebundene Pölsterchen, die einen schönen Stockerlpopo unter den weiten Röcken vorgaukelten! Diese Mode ging bis ins Extrem, denn mit diesen “Fensterpolstern” konnte man gut und gerne 10 oder 15 cm hintere Prachtbauten aufbauen. Da kommt eine mauretanische Hexe mit Salzwasserspritzen beim besten Willen nicht heran.
Eine andere Anektote will wissen, daß Kaiserin Maria Theresia, die von Gottes Gnaden das österreichische Imperium beherrschte, erst dann zu ihrer legendären Fruchtbarkeit finden konnte, als ein berühmter holländischer Arzt ihr den geheimen Tip gab, sie solle sich einen Polster unter die kaiserlichen Vier-Buchstaben legen, wenn es an die Produktion von Thronfolgern gehen sollte. Offensichtlich war sie nicht genügend naturgepolstert!! Kaum war der Polster in Gebrauch, ging es mit dem Kindersegen los, und es folgten in fröhlicher Succession 16 wohlgelaunte Kinder. Böse Zungen wollen wissen, daß einige von ihnen aus Dankbarkeit für die Polsterkur dem holländischen Arzt verblüffend ähnlich sahen.
Bevor wir zu sehr über den Schönheitswahn anderer Kulturen und Zeiten lachen, sollten wir kurz innehalten und über unsere aktuellen Wahnvorstellungen nachdenken! Fettabsaugung, Botox-Spritzen, giftige Silikonbrüste, die man nicht angreifen darf, Mädchen, die aussehen wie ihre Brüder vor lauter Schlankheitswahn…
Dagegen ist ein fruchtbarkeitsfördernder Fettbürzel doch etwas sehr Sympatisches, oder?
17. Glaouis stolze Festung Imzodar
Es hilft nichts. Egal wie ich auch versuche, mich heimlich davonzustehlen, Lhassen, mein selbsternannter Schutzengel, taucht überall auf, wo ich hingehe.
Hier sitzt er gerade zufällig am Wegesrand, als ich vorbeikomme. Heute wollte ich eigentlich nach Imzodar, um die Ruinen von Glaouis stolzer Festung zu zeichnen., die sich auf den Felsen oberhalb des Flusses Dades festkrallen.
Am anderen Flussufer liegt ein überaus beliebtes Postkarten-Motiv: das Dörfchen Ait Arbi. Im Hintergrund verknoten sich die “Affenfinger”, diese seltsamen, sich geradezu pervers violett ineinander verknotenden Felsformationen, auf die man sich einfach keinen Reim machen kann, egal wie lang man sie anstarrt.
Manche behaupten, dass gerade von hier, von Imzodar, der grausame Glaoui Schießübungen auf sein eigenes Volk abhielt. Er hatte gerade zwei brandneue Kruppkanonen vom französichesn Marschall Lyautey bekommen und gerade keine Feinde zum Ausprobieren des Geschenks zur Hand, also vergnügte er sich mit Probeschüssen auf sein eigenes Dorf.
Tatsächlich prangt in der dicken Mauer dort drüben ein riesiges herzförmiges Loch. Viel Phantasie braucht man nicht, um sich vorzustellen, wie eine funkelnagelneue Kanonenkugel durch die flirrende Luft sirrt, um zur völligen entsetzten Überraschung der Dorfbevölkerung diese klaffende Wunde in der Mauer schlagen.
Ich sitze auf einem Felsvorsprung unter einem Mandelbaum in voller Blüte. Lhassen verbrennt Weihrauch, sachte und feierlich wie Aladdins Onkel persönlich, und ich warte geradezu darauf, daß sich in dieser magischen Stimmung der Fels langsam knarrend aufschiebt und die Höhle freigibt, in der Glaoui seine Schätze hortete.
Ich skizziere wie in Trance und probiere die Farben der Landschaft zu treffen. Vor 5 Jahren habe ich schon Imzodar gezeichnet- damals aber von der anderen Seite. Der rasend schnelle Verfall, der in diesen 5 Jahren seine Zähne in die Ruinen geschlagen hat, lässt die übriggebliebenen gezackten Mauern noch geheimnisbeladener wirken als damals!
Noch vor 100 Jahren durfte kein Europäer lebend davonkommen, der in die hohlen Augen dieser Festung geblickt hatte.
Heute ist alles hier sandig und friedlich. Lhassen hat ein wenig Mühe, die allgegenwärtigen spielenden und bettelnden Kinderscharen in Zaum und auf Abstand zu halten, aber von anderen bösen Geistern bleiben wir verschont. Es ist ja auch Lhassens Aufgabe, sowohl die eine als auch die andere Sorte von Plagegeistern von mir abzuhalten!
Er sieht es als seine Lebensaufgabe, dafür zu sorgen, daß ich ungestört bleibe. Die Kinder hier sehen allerdings nicht ganz ein, warum sie Lhassen gehorchen sollen- es ist ja schließlich nicht sein Ort sondern ihrer.
Zwei entzückende kleine Mädchen mit dunklem welligen Haar schaffen es, sich direkt zu mir hindurchzuwuseln. Sie tragen saubere westliche Kleidung und weisen sich damit eindeutig als Kinder von wohlgestellten Eltern aus.
Sie lachen mich offen an, mit blitzblanken, fehlerfreien Zähnen, und beginnen, neugierig an meinen Zeichensachen herumzuzupfen. Wo ist Lhassen? Er versucht diesmal nicht einmal, sie daran zu hindern. Bekomme ich gerade einen Sonnenstich? Ich meine plötzlich, in den beiden eine dunkle Doppelausgabe meiner Tochter zu sehen, so sehr ähneln sie ihr! Ich blinzle ein wenig in die Sonne und gebe ein verlegenes Lächeln zurück. Ich habe wohl wirklich zuviel Sonne erwischt.
Auf meinen Zeichenblöcken beginnen die Kasbahs und Ruinen sachte zu schwanken und zu tanzen und sich langsam in psychedelisches Rot und Violett einzufärben. Alles ist unglaublich schön, besonders die zwei kleinen Mädchen.
Unter der sanften Schönheit der Mandelblüten auf den knorrigen alten schwarzen Zweigen, dem berauschenden Duft des Räucherwerks und dem scharfen Sonnenlicht schmelzen die Wände zwischen Traum und Realität wie Wachs dahin. Und in diesem Traumzustand reißt sich ein bergsee-klarer Kuhlock aus Sommerland meiner Kindheit frei und schwebt in der leichten Luft durch alle Jahrzehnte und über alle norwegischen Fjordtäler herüber ins gegenwärtige Marokko. Das ist meine Großmutter, die die Kühe am Abend in den Stall zurücksingt!
Natürlich ist es nicht meine Großmutter, sondern der Gebetsausrufer in Ait Arbi, der zum Freitagsgebet anstimmt! In einer abfallenden Moll-Skala, wie ein bei einem typischen norwegischen Volkslied.
Im Atlasgebirge laufen einem immer wieder schöne Kinder mit goldenen Haaren und unglaublich grünen Augen über den Weg! Ich frage mich, ob sie die Nachkommen von vor vielen Jahren geraubten Isländern sind. Es heißt, dass es vor 400 Jahren einen “Türkenüberfall” auf Island gegeben hat. Nordafrikanische Seeräuber sollen Europas Küsten überfallen haben. Die Bezeichnung “Türken” ist natürlich nicht korrekt, aber das ottomanische Großreich wurde damals von arabischsprachigen Türken beherrscht. Mehr als eine Million Menschen sollen sie auf ihren Raubzügen verschleppt und auf Märkten wie Vieh verkauft haben. Allein in 1627 wurden 400 Isländer von den Vestmanna-Inseln in Ost-Island geraubt und nach Sale weiterverkauft. Sale ist heute eine Vorstadt von Marokkos Hauptstadt Rabat.
In den langen Jahren emsigen internationalen Sklavenhandels wurden einige Isländer wieder vom dänischen König Kristian dem Vierten, freigekauft. Die bekannsteste Sklavin mit diesem Schicksal ist “Tyrker-Gudda”, über die Romane und Theaterstücke geschrieben wurden, und über die natürlich inzwischen auch Filme gedreht wurden:
In Kopenhagen wollte der junge Priester Halgrim die geraubten Isländer wieder in den Schoß der christlichen Kirche zurückführen! Aber auch ein Priester ist letztendlich nur ein Mensch, und besagte Gudda dürfte in den Jahren der Gefangenschaft ein Arsenal von unwiderstehlichen Konkubinen-Tricks erlernt haben, denen Halgrimm trotz göttlichen Beistandes machtlos ausgeliefert war!
Es kam also wie es mußte- aus Spass wurde Ernst, also ein Kind, und Halgrims kirchliche Laufbahn war somit beendet.
Es blieb nichts übrig als zu heiraten und nach Island auszuwandern, wo sie es ziemlich schwierig hatten, da Gudda als Heidin und Hure verschrien war. Dass sie außerdem noch viel älter war als der gefallene Priester Halgrim, trug nicht zur Beliebtheit des Paares bei.
Es heißt doch immer, um ein guter Künstler zu sein, muss man leiden. Hungrige Musiker spielen am schönsten, sagt man. Als Halgrim hungrig genug war, fing er also an zu dichten und wurde auf dem zweiten Karriereweg zu einem von Islands größten Dichtern. Er muss es also wie gesagt wirklich sehr schlecht gehabt haben in Island!!
18. Jetzt kaufe ich mein Schloss
Je länger ich in Marokko bin, desto mehr Angebote stapeln sich bei mir: jeder hier will mir inzwischen ein Haus, eine Ruine oder ein Stück dürres Land verkaufen. Und ich muss mir mehr und mehr fantastische Geschichten anhören, wie sich doch immer mehr reiche Europäer gerade für „mein Schloss“ ernsthaft interessieren! Ein anderes Objekt will ich nicht als genau diese kleine Ruine. Aber der mir zugetragene Preis steigt jede Woche um 5 000 Euro (wegen der angeblichen enorm vielen europäischen Interessenten!) Dabei lag der Ursprungspreis nur bei 4000 Euro. Ich versuche das Spiel mitzuspielen und spiele mich durch kunstvollste Schattierungen von Desinteresse. Ich meine auch, daß ich niemandem davon erzählt habe, daß ich nur dieses eine Objekt haben will. Aber offenbar sind die Marokkaner durch lebenslanges Feilschen hervorragendst geschult im Einschätzen eines potentiellen Kunden. Ich kann denen nichts vormachen.
Außerdem haben mich die Besitzer, mit denen ich noch nicht persönlich sprechen konnte, weil sie noch offenbar noch mit Recherchen bezüglich meiner Kaufmotivation und der Füllung meiner Geldbörse beschäftigt sind, wohl um „meine Ruine“ herumschleichen sehen wie eine Katze um den heißen Brei. In den sandigen Felsen der Umgebung auf Lauer gelegte Spione haben mich wohl hunderte Skizzen davon zeichnen sehen. Jetzt wittern sie ihr großes Geschäft und wollen herausfinden, wie viel Geld sie genau aus mir herauspressen können, wenn sie mich nur genug zappeln lassen. Für die Leute hier bin ich ja schließlich ein Millionär ohne jegliche finanzielle Beschränkungen! In meinen Fußstapfen spriessen die Goldbäumchen! Ich kann die Familie förmlich vor mir sehen, wie sie aufgeregt zu hause diskutieren, wie man aus dem europäischen Krösus-Trottel noch ein paar Tausender herausquetscht. Mehr und mehr fantastische Geschichten türmen sich aufeinander. Offensichtlich will ganz Europa genau inzwischen mit verbittertem Ernst genau diese kleine Ruine kaufen, und die Interessenten überbieten sich Woche für Woche um das Doppelte.
So ein Trottel, daß ich darauf hereinfalle, bin ich natürlich nicht: das Schlößchen ist in Wirklichkeit in einem erbärmlichen Zustand. Natürlich kann man es noch retten und herrichten, wenn man es liebt und ein wenig investieren will. Das Dach ist noch dicht, und das ist eigentlich das Wichtigste. Wenn das Wasser hier durch das Dach rinnt, schmelzen ja die Wände aus gestampfter Erde und fließen mit dem Regen davon. Innerhalb von wenigen Jahren ist dann von den Mauern kaum noch etwas übrig.
Auch das Treppenhaus ist noch in Ordnung, und die Fußböden tragen. Ich liebe den nach Norden gerichteten Arkadengang, der ein wahrgewordener Traum aus Tausend-und-eine-Nacht ist, mit seiner unglaublichen Aussicht auf das Märchenstädtchen Ait Ibrirne und seine verwunschenen Hügel. Ich träume davon, in meinem renovierten Schloß zu sitzen, durch diese Arkaden faul in die weite goldene Landschaft zu schauen, in aller Ruhe Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ auf Französisch zu lesen und mir von meiner Haushilfe einen nicht-enden-wollenden Nachschub an Pfefferminztee und pickigen marokkanischen Süßigkeiten servieren zu lassen.
Ich habe mir ausgerechnet, dass ich, selbst wenn ich jedes Wort, das ich nicht verstehe, gewissenhaft nachschlage, in knappen zwei Jahren alle 23 Bände gelesen haben müßte. Und danach wäre ich natürlich absolut perfekt in Französisch!!! Es geht doch nichts über schöne langfristige fordernde Projekte für einen frischgebacken Pensionisten mit offenem Geist!
Zu meinen Plänen gönne ich mir eine ägyptische Zigarre, und lasse den blauen Rauch vom lauen Sommerwind davonwehen. Im Salon müssen rote Berberteppiche von Wand zu Wand liegen, und der schöne große Prismen-Kristall-Leuchter in Rosa und Hellblau, in den ich mich im Glas-Werk von Settat spontan verliebt habe, soll darüber prangen. Dieser Leuchter braucht einfach einen großen Salon voller roter handgeknüpfter Teppiche!
Meine persönliche und streng geheimgehaltene finanzielle Schmerzgrenze sind 15 000 Euro. Um 40 000 Euro müßte ich sowieso noch renovieren. Ich weiß schon genau die ortsansässigen Handwerker, die ich Mosaike legen und Möbel tischlern lassen möchte!
Der letzte Preisvorschlag meiner Verkäufer liegt allerdings bei 50 000 Euro. Angeblich gibt es ja so viele konkrete Interessenten.
Mein neuer Freund Brutus hat mir heute ein Grundstück angeboten. Ganz gratis, mit herrlichem Blick auf die unbeschreiblichen Affenfinger. Seine schöne junge Tochter Sakina steht neben ihm: Sie sieht mir direkt in die Augen und lacht.
-Willst du meine Tochter Sakina heiraten?- fragt Brutus ganz ernst.
-Ja natürlich-, sage ich. Was soll ich auch anderes sagen, ohne beleidigend zu wirken. Sakina ist ja auch wirklich wunderschön.
Sie strahlt jetzt und wird noch viel schöner! Mein „Ja“ nimmt sie als Kompliment. Wenn sie einmal erwachsen ist kann sich selber vorsagen, wie viele Männer sie hätten heiraten wollen, bevor sie 18 wurde.
-“Nach dem neuen Familiengesetz von 2004,“ – gebe ich zu bedenken, „darf Sakina natürlich nicht vor ihrem 18.ten Geburtstag heiraten!“
-Du hast recht,- sagt Vater Brutus, „wir müssen wohl noch zwei Jahre warten.“ Er sagt es so ernst und nachdenklich, daß ich mich jetzt frage, ob er das Angebot vielleicht tatsächlich ernst gemeint haben könnte!
Eines schönen Tages sehe ich auf der Terasse des Hotels Panorama eine feine französische Dame sitzen. Ich bin also nicht mehr der einzige Hotellgast. Sie heißt Noushka und erzählt mir, daß sie sich nach einem leerstehenden Kasbah umsieht. Sie blickt allen Ernstes in Richtung meines Schlosses! Ich setze mein bestes Poker-Face auf und lasse mir nicht das Geringste anmerken!
-“Über den Fluss Dades zu kommen, ist aber leider ein Problem“,- sinniert sie, -denn um durch den Flusslauf zu fahren, braucht man enen speziellen Landrover. Oder man muss sehr gutes Schuhwerk haben und gerne klettern.- Sie seufzt fein und und ein wenig ergeben.
Hinter meinem Poker-Face atme ich erleichtert auf! Also hat sie es gar nicht auf mein Schloss abgesehen! So ein Glück!
Sie schaut wieder zu meinem Schloss hinüber, zu dem immerhin eine zerrupfte Hängebrücke aus morschem Holz über den Fluss führt, auf die ich jetzt geradezu stolz bin. Zumindest muss man zu „meinem Schloss nicht durch den Flusslauf stapfen, sondern kann sich auf dem morschen Brücklein in Lebensgefahr bringen!
-Aber du kannst ja dieses Schloss da drüben kaufen-, schlägt sie mit verschmitzt blitzenden Augen vor, -dann können wir Nachbarn sein und über den Fluss zuwinken.“ Ihre weiße Rüschenbluse leuchtet in der Sonne. Sie erinnert mich an Jeanne Moreau.
Es gibt also offensichtlich niemanden, aber schon gar niemanden hier, der nicht weiß, dass ich dieses Schloss kaufen möchte! Sogar die frisch angekommene Noushka weiß alles über meine Intentionen.
Worauf also noch warten. Ich muss jetzt Farbe bekennen und mit den Besitzern in ernsthafte Verhandlungen treten, bevor sich die Preise ins völlig Jenseitige hinaufschaukelt.
Ich spreche meinen Hotelwir Ibrahim darauf an. Ja, natürlich ist er mit den Besitzern verwandt und kann gerne ein Treffen arrangieren. Er hat auch einen Onkel, erzählt er begeistert, der Stukkateur ist und meine Gipsarbeiten erledigen kann.
Am Tag darauf werde ich vom Besitzer empfangen, und auf Anraten von Ibrahim, der natürlich mitkommen musste, bekommt er von mir einen Monatslohn Trinkgeld, bevor wir mit dem Verhandlungs-Mittagessen beginnen. Ein süßes kleines Mädchen serviert und spricht meinen hehren Verhandlungspartner so rührend mit Papa an.
-Das kann doch nicht ihr Vater sein,- flüstere ich Ibrahim zu, – er ist doch mindestens 80 Jahre älter als die Kleine!“
-“Und was ist daran merkwürdig?“- flüstert Ibrahim erstaunt zurück.
-,“ Ja, aber da ist er ja mindestens 40 Jahre älter als die Mutter des Mädchens,“- rebelliert mein innerer Europäer.
-“50 Jahre älter als die Mutter ist er,“- lacht Ibrahim, geradezu stolz, -“und sie hat sich glücklich geschätzt, ihn zu bekommen.“
Der Patriarch ist jetzt soweit, über Preise zu reden. 1 Million Dirham will er für sein Schloß, ca. fantastische 100 000 Euro.
-“Niemand zahlt dafür eine Million“,- ärgere ich mich, und fange einen belehrenden Sermon an über neureiches Volk, das den Wert von Geld nicht kennt und nicht weiß, was es mit seinen überquellenden grünen Scheinen anfangen soll. Solche Leute gibt es natürlich, die eine Million ausgeben so wie ein anderer eine Briefmarke kauft, aber diese Sorte kauft sich kein Haus hier, wo es keine Helikopterplattform, keinen internationalen Flughafen und keine Air Condition gibt. Hierher kommt man ja nur nach einer gesundheitssgefährlichen Tagestour mit einem antiquarischen Rappeltaxi, das bei jedem Stein auf der Straße einen Teil verliert.
Und wenn sie dann endlich angekommen wären, die reichen Leute, so würden sie sich innerhalb von zwei Stunden zu Tode langweilen, ganz ohne Shopping-Meile, Kasino und Fitnessstudio.
Kaufen kann man hier gerade einmal Brot und Dosenfutter.
Frisches Gemüse und Fleisch gibt es nur am Markttag
Die Reichen und Schönen investieren ihre Millionen in einem Bungalow an der Cote d’Azur, wo sie an jeder Ecke ein anderes Bedürfnis nach Selbstbefriedigung erfüllt bekommen. Dades ist nicht gerade das, wonach sich Leute mit wirklich frei fließenden Geldsummen im Herzen sehen!
Meine Rede, so vernünftig und durchdacht sie mir erschienen ist, erweicht nicht das eingetrocknete Geschäftsmann-Herz des Patriarchen-Papas. Er ist nicht imponiert. Und auch nicht interessiert daran, zu feilschen. Er hat einen großen Bruder in Spanien, der ihn berät und ihm den Preis ausgerechnet und vorgegeben hat.
Kein Problem, wenn ich nicht kaufen will, aber der Preis ist fix.
Ibrahim murrt den ganzen Heimweg lang. Er ist sauer. Man hatte ihm einen viel niedrigeren Preis zugesagt. Der Große Bruder in Spanien ist schuld, dass jetzt sein Onkel einen guten Stuck-Job verliert, und wird deshalb ausführlichst beschimpft!
Ein paar Berbermädchen, die gerade Wäsche aufhängen, rufen und winken uns zu.
-Die wollen dich alle heiraten,- erklärt Ibrahim noch immer grantig.
Ich frage, ob ich sie fotographieren darf. Ibrahim ist entsetzt. Nein, natürlich nicht, denn dann setze ich die Bilder von den Mädchen in meinen Computer und kann ihnen die Kleider ausziehen!!
-Du mußt eine heiraten,- erklärt Ibrahim eindringlich, -dann kannst du mit ihr machen, was immer du willst!“
2010, als ich das hier schreibe, ist das Schloss natürlich noch immer nicht verkauft. Das Dach und die Böden sind eingefallen und in den Außenwänden sieht man lange Risse. Es ist jetzt lebensgefährlich, das Schloss zu betreten und natürlich ist es nicht mehr reparabel. Ich hoffe, der spanische Bruder empfindet dabei Genugtuung, dass immerhin kein alter Norweger zigarrenrauchen durch die Arkaden ins Land schauen kann.
Als ich zurück im Hotel Panorama darüber sinniere, wie es im Leben oft so ganz anders kommt als man denkt, weiß ich noch gar nicht, wie anders es noch kommen soll! Das ganz Unerwartete, das mein Leben in eine völlig neue Bahn werfen soll, wartet schon, ohne daß ich es weiß, hinter der allernächsten Ecke!
19. Khadisja
Ibrahim, der Hotelwirt serviert mein Abendessen regelmäßig nach dem Sonnenuntergang. Danach sitzen wir noch ein paar Stunden gemeinsam über unserem Kaffe. Um etwas zu tun zu haben, gibt es zwischendurch die eine oder andere Zigarette. Manchmal kommt auch der Nachbarsbursche vorbei, holt sich meinen Autoschlüssel und bringt mein Auto um ein paar Münzen für morgen auf Hochglanz.
Eines Tages steht ein vornehmes kleines Mädchen vor der Hotelküche. Sie lässt sich von Ibrahim ein kleines bißchen Waschpulver in ein winziges Plastiksackerl abfüllen, zahlt eine winzige Münze und bekommt ein Drops als Draufgabe.
Ich betrachte fasziniert ihre ärmliche aber dennoch frischgewaschene und in liebevoll in Stand gehaltene Kleidung.
-Das ist nur die kleine Khadisja, die Kusine des Burschen, der immer dein Auto wäscht,- erklärt Ibrahim.
-Glaubst du, sie hat etwas dagegen, wenn ich sie male?- möchte ich schüchtern wissen.
-Bestimmt nicht. Ich werde ihre Eltern für dich fragen.-
Khadisja kommt zurück, mit großen verlegenen Augen, die sich nicht sicher sind, warum sie zurückgeschickt wurde.
Das strenge Bilderverbot des Islams spüre ich wie ein Damokles-Schwert über mir hängen, als ich diese unschuldigen großen Augen skizziere. Es kommt mir richtig verboten vor, sie so genau anzustarren und ihre Konturen zu zeichnen.
Bei der selbstverständlichen Seelenstärke und inneren Ruhe, die dieses Kind ausstrahlt, fühle ich mich total demoralisiert, der hier Angesicht zu Angesicht einem höheren Wesen gegenübersteht und hoffe geradezu, dass sie im Gegenzug nichts von meinem im Vergleich sündigen Leben spürt.
Ich skizziere fertig, danke demütig für diese Andachtsstunde und lasse Ibrahim ein ganzes Sackerl voll mit Drops für sie holen.
Sie dankt wie eine Königin mit einem ruhigen Lächeln und entschwebt.
Jetzt wo sie reich ist und eine ganze Waschmittel-Jahresration Drops ihr eigen nennen kann, hat ich sie gezeichnet habe. Ich sitze hier mit meiner Skizze, beraubt von der Präsenz der Unschuld und wünschte mir, ich wäre ein Schulbub mit 10 Jahren Schulausbildung noch vor sich. Wie würde ich dann alles daran setzen, mit den allerbesten Noten abzuschließen, einen gut bezahlten Job zu finden und dann zurückzukommen und dieses Berbermädchen mit heim zu bringen, die sich im Leben nichts wünscht als ein sicheres Heim, über das sie residieren kann.
Diese unschuldige romantische Fantasie traue ich mich natürlich nicht meinen Berberfreunden zu schildern. Wie würde denn das aussehen! Aber weil mich das schöne klassische Bild doch so bewegt, muss ich einem jüngeren reichen norwegischen Freund davon erzählen.
Mit der gewaltigen Reaktion habe ich nicht gerechnet! Öl in die Flammen ist nichts dagegen. So eine Frau muss ich ihm beschaffen. Die europäischen Frauen seien alle so kompliziert und wissen nicht, was sie vom Leben wollen. Immer unzufrieden, fordernd und grundsätzlich schwierig zu hantieren.
Durch das Handy sehe ich förmlich das fiebrige Glühen in seinen Augen, als sich das Bild von der einfachen häuslichen Idylle mit einer Frau, die zufrieden und stolz ist mit dem einfachen Glück, das sie hat, vor seinem geistigen Auge voll entfaltet.
Hätte ich doch lieber nichts gesagt. Ein Rückzug ist jetzt schwierig geworden!
-Völlig unmöglich,- murmle ich verlegen, -Heiratsvermittlung ist verboten und wird als Zuhälterei verfolgt. Darauf lasse ich mich ganz bestimmt nicht ein!
Aber Gunnars Öl brennt lichterloh. Kein Tag vergeht, an dem er mich nicht anruft und sich erkundigt, wie es mir mit dem Berber-Frauen-Projekt geht.
Vor vierzig Jahren habe ich schon eine Berberfrau in Norwegen kennengelernt. Ein Albtraum. Eine gute Freundin, die im Gesundheitswesen arbeitete, wollte diese Berberfrau in das norwegische Alltagsleben einführen.
Ihr Mann lebte schon seit vielen Jahren in Norwegen, verdiente gut und kam insgesamt hervorragend zurecht. Die Kinder, die die beiden inzwischen bekommen hatten, waren auch perfekt integriert und richtige kleine Norweger.
Aber die Frau: nach Jahren in Norwegen brauchte sie noch immer Hilfe bei jeder Ampel.
Sie fand die Geschäfte nicht, und wenn sie sie gefunden hatte, irrte sie verzweifelt durch die labyrinthartigen Gänge, auf der Suche nach einem Sackerl Waschpulver.
So sehr die unglaublich sozial engagierte Freundin, die sie geduldigst und verbissen versuchte, zumindest die notwendigste Grundbeherrschung einer zivilisierten Kleinstadt anzutrainieren, es war hoffnungslos!
Nach einer Weile wurde der Kulturschock für die Berberin offensichtlich so unerträglich, dass sie schwer krank wurde. Sie wurde steif wie ein Stockfisch und konnte weder gehen noch sprechen.
Auf der psychiatrischen Klinik Gaustad hatte man noch nie etwas Ähnliches gesehen und man musste beim alten Freud nachschlagen, um die Diagnose “hysterische Katalepsie” zu finden.
Die arme Frau zeigte keine Reaktion mehr auf Nadeln, die man in ihre Fußsohlen stach, ja sogar der Irisreflex war verschwunden.
In Ermangelung anderer Therapie-Ideen wurde sie sicherheitshalber medikamentös “auf Null gestellt”, danach wieder “aufgetaut”, was in der Klinik einigermassen funktionierte. Als man sie aber wieder in die norwegische Kleinstadt “auswildern” wollte, fiel sie sofort wieder in ihren kataleptischen Zustand zurück. Also wieder in die Klinik, um noch einmal von der chemischen Keule niedergeschlagen und dann neu aufgebaut zu werden.
Genau wie in jedem guten Märchen passierte das drei Mal, bevor man entschloss, sie heimzuschicken nach Rif im Atlasgebirge.
Eine Polizeieskorte begleitete sie mit dem Flugzeug nach Casablanca.
Ein Landrover mit Übersetzer und Fahrer stand dort bereit, und so zockelte man die mit jedem Meter Entfernung zu Casablance rasant schlechter werdenden Straßen, um endlich in einem ausgedörrten Flussbett hoch oben im Gebirge entlangzufahren.
Sie übernachteten in einem Örtchen ohne fliessendes Wasser und Strom und mussten dann, weil zu Fuß fortsetzen, weil es jetzt nicht einmal mehr ein Flussbett gab, in dem ein Auto hätte fahren können.´
Inzwischen konnte die Frau schon an den Packesel gestützt selber gehen. Als sie einem Ziegenhirten samt Herde begegneten, war sie schon soweit, dass sie ihn grüßen konnte.
Als sie ein paar Frauen trafen, die am Bach Wäsche wuschen und sie an zwischen niedrigen windschiefen Bäumchen gespannten Leinen aufhängten, lachte und winkte sie bereits übermütig.
Sie begann jetzt auch zum ersten Mal mit dem Übersetzer zu sprechen und nannte ihm die Namen der Bergzacken, und kündigte an, dass es nicht mehr weit nach Rif wäre.
Je näher sie dem kleinen Örtchen Rif kamen, desto mehr Kinder klumpten und scharten sich um die Frau mit Eskorte und Esel.
Die größeren Kinder liefenlaut und glücklich rufend und winkend vorraus und kündigten ihr Kommen der ganzen weiten Landschaft an, als wäre sie der erste Astronaut, der gerade vom Mond zurückgekehrt war!
Jetzt plauderte sie und gestikulierte locker und natürlich wie eh und je.
Die Dorfbewohner lachten, klatschten ihre Hände gegen die ihren, schüttelten voll Bewunderung die Köpfe über ihre modernen Kleider und ihr königliches Gefolge und lauschten mit atemloser Spannung ihren Berichten über die fremde Welt, aus der sie heimgekehrt war.
So, erzählte der Übersetzer, hatte sie ihr Abenteuer erlebt: Man hätte sie in eine magische Kabine eingesperrt, die fürchterlich gerüttelt, gedröhnt und gelärmt hätte. Als die Kabinentür sich wieder öffnete, war die Welt, die Farben und alle Menschen weg.
Es gab hier keine Menschen, sondern nur Maschinewesen ohne Gefühle. Ein paar Mal war sie gestorben und tot gewesen, dann hatte man sie wieder in die magische Kiste gesteckt, gut durchgeschüttelt und wieder in der Welt ausgelassen, in der sie wieder beginnen konnte zu atmen und zu leben.
Diese Geschichte ist wie gesagt, vor vierzig Jahren geschehen. Inzwischen haben alle Marokkaner Zugang zu Fernsehprogrammen aus der ganzen Welt und hätten alle Erfindungen der modernen Zeit zumindest schon im Flimmerkasten erlebt.
Trotzdem beschäftigte mich die Frage ständig, ob es einem “modernen” Berbermädchen möglich wäre, sich an die Anforderungen einer norwegischen Stadt von heute anzupassen.
Immerhin werden jetzt in Marokko alle Siebenjährigen in die Schule geschickt, ale waren schon einmal im Internetkaffee und haben gesehen, wie man mit weit entfernten Menschen über den Bildschirm reden kann. Die meisten haben ein Handy, wenn auch oft selbst-zusammengeflickte Second-Hand-Handys.
Das Problem mit den Mädchen ist: Wenn sie mit 18 Jahren heiratsfähig aber gebildet aus der Schule kommen, wollen auch die hiesigen Mädchen nicht mehr mit dem Haushalt alleine zufrieden sein. Jetzt wollen sie einen guten Job und einen Mann mit mehr Ausbildung als sie selber haben und einem noch besseren Job.
Ich gehe hinaus auf die Hotellterasse und lasse den enormen unendlichen Sternenhimmel auf mich einwirken, der sich über mir in alle Richtungen spannt. Das Tal ist still und dunkel, nur in den fernen Klüften springen und schwirren mystische Lichtpunkte, die manchmal verschwinden, nur um gleich darauf wieder aufzutauchen. Sie tanzen und hüpfen, verschwinden und tauchen an einem anderen Ort wieder auf.
Bestimmt sind das nur Glühwürmchen, aber trotzdem: In dieser großen Nacht voll unbegreiflicher Bedeutung könnten es genausogut die Scanner von Aliens sein, die ihre Daten über über irdische Mineralien, Insekten und Menschen sammeln und akribisch zusammentragen.
Mir schaudere ein wenig. Wir, die wir glauben, alles zu verstehen, sind wir nicht genauso gefangen von dem, was wir fest für die Wirklichkeit halten, wie die arme Berberfrau im feindlich-unbegreiflichen Norwegen vor vierzig Jahren?
Und während ich so gedankenverloren in die Bergklüfte starre, windet sich in plötzlich ein neues Licht in der Ferne zwischen den tanzenden Lichtern hervor. Eine Lichtkegel rotiert langsam in den Tiefen. Ich blinzle. Das ist ein Auto, das in der Nacht unterwegs ist. Es schwingt sich langsam und mühsam die gewundenen Serpentinen entlang, und der Lichtkegel leuchtet immer neue Zacken in den Felsen aus, kleine gelb-felsige Scherenschnitte aus der dicken schwarzen Nacht.
Dass mitten in der Nacht hier ein Auto unterwegs ist, ist sehr ungewöhnlich. In der Nacht bleiben die Menschen hier zu nterwegs ist man am Tag.
Als der Lichtkegel hinter einem Fels wieder auftaucht, sehe ich das Profil des Autos kurz aber deutlich ganz klar: Mein Auto! Kein Zweifel. So ein Auto gibt es hier nicht noch einmal!
Aber jetzt verschwindet es wieder in großer Geschwindigkeit die Brücke hinunter und die andere Seite des Tals wider hinauf!
Hier stehe ich also alleine in der schwarzen Afrikanacht auf der Hotelterasse und sehe meinem Auto bei nächtlichen Spazierfahrten durch über Berg und Tal zu. Ein Gefühl von großer Irrealität erfasst mich, und ich muss fast lachen.
Ich komme jetzt nicht auf den Parkplatz, denn der ist in der Nacht abgesperrt. Aber mit meiner Digitalkamera schieße ich ein Blitzbild von dem Platz, wo mein Auto eigentlich hätte übernachten sollen.
Der Platz ist leer.
Am nächsten Morgen steht mein Auto frischgewaschen und guter Laune vor der Rezeption.
Ich bin nicht ganz sicher, was ich Ibrahim über die Lichtpunkte und Lichtkegel von letzter Nacht erzählen soll und mache einen halbherzigen Versuch.
-Ach, das sind sicher die Jugendlichen, die das Kanalwasser umregulieren. Das machen sie nach einem guten alten, sehr sinnvollen System einmal in der Woche.
Dabei leuchten sie mit Karbidleuchten und springen zwischen den Klippen herum, um die Ströme des Kanalwassers zu kontrollieren.
Ich schweige eine Weile und versuche, diese Information einsickern zu lassen.
Nach ein paar Schlucken Kaffee frage ich scheinbar beiläufig.
-Hat Khadisjas Vetter eigentlich einen Führerschein?-
-Natürlich nicht. Er ist ja noch keine 18 Jahre,- erleuchtet mich Ibrahim.
20. Fernab vom Wege
Mit der Zeit bin ich mit mehreren Berber-Familien in Dades gut befreundet. Unter anderem mit der Familie eines verschrumpelten pensionierten Wüstensoldaten mit wettergegerbtem, sonnenverkohlten Gesicht, das mich an eine Dörr-Zwetschke erinnert. Als mein alter Freund Torfinn Fimreite diesen Mann das erste mal zu Angesicht bekam, verbesserte er meinen Vergleich sofort mit dem routinierten Spitznamen-Gefühl eines wahren Bewohners von Höyanger, meinem norwegischen Heimatort, in dem jeder zweite Einwohner einen erstklassigen und nie wieder abwaschbaren Spitznamen verpaßt bekommt.
-Nein, nein, keine Zwetschke,- sagt er, -eine Rosine.
Mit Spitznamen hat es etwas Magisches an sich. Wenn sie passen, dann brennen sie sich ein wie ein ewiges Brandzeichen. Passen sie nicht, gehen sie ab wie Aufklebe-Tattoos.
Alle meine norwegischen Freunde, auch die, die noch gar nicht in Marokko waren, wissen inzwischen vom Rosinen-Opa, der mehrere Ehefrauen hat und hatte, sowie eine Heerschar von Kindern und Enkelkinder, die nichts anderes gemeinsam haben als dass sie alle auffallend hübsch sind.
Die älteste noch zu hause lebende Tochter ist die 18-jährige Zohra. Sie residiert wie eine Königin über das Haus in Dades.
Seine jüngste Frau mit neugeborenem Baby wohnt in der Militärwohnung in der Stadt Tinghir, 70 km weiter östlich.
Zohra macht meine Wäsche und hat immer ein strahlendes Lächeln auf den Lippen, wenn ich zu Besuch bin und Tee trinke oder zum Essen eingeladen bin.
-Zohra heißt Rose,- kläre ich Torfinn auf, als er zu Besuch kommt. Da ich selber eifrig am Arabisch-Lernen bin (es geht zäh aber immerhin stetig vor sich hin), und ausserdem immer schon alle möglichen Fakten gesammelt und gehortet habe, wohnt in mir ein ständiges Bedürfnis, alle diese kleinen Fakten mit meinen Mitmenschen zu teilen!
-Nein, nein, – weiß Torfinn, der Namenerfinder besser, -sie ist nicht nur eine Rose, sie ist eine strahlende Sonne.” Seitdem heißt sie Zohra Sonne. Der Name paßt wie angegossen und bleibt hängen.
Aber ich greife vor- Thorfinn kommt erst später, zu meiner Hochzeit! Noch bin ich der einzige Norweger hier unten und Zohra Sonne ist noch eine einfache Zohra.
Zohra ist also das stolze weibliche Familienoberhaupt im Haus, eine wohlverdiente Ehrenposition, denn während sie unermüdlich und mit der Effizienz einer Maschine die nie enden wollenden Handgriffe und Erledigungen des Haushalts erledigt, dirigiert, lenkt und bändigt sie ganz nebenbei die vielen kleinen und mittelgroßen Geschwister, die überall herumwuseln.
Den Habichtblick, mit dem sie die Meute scheinbar mühelos und ganz nebenbei in Schach hält, würde ich unheimlich gerne auf Film bannen.
Ich frage also den Familienhäuptling Rosinen-Opa, ob ich ein paar Bilder von der schönen Zohra machen darf.
-Nicht heute,- läßt er mich etwas barsch wissen. Damit ist dieses Thema für heute beendet. Und ich weiß jetzt, von wem Zohra ihren Habichtblick geerbt hat.
Am Tag darauf hat Zohra Sonne ihren offenbar allerschönsten Pullover an und scheinbar den Schmuck der ganzen Familie um.
Ich folge einer Prinzessin aus Tausend-und-einer-Nacht hinaus auf die Dachterasse zu meiner Kamera-Audienz, die der Rosinen-Patriarch für heute gnädig genehmigt hat.
Ich zücke meine Foto-Ausrüstung und beginne mein Werk. Zahra Sonne strahlt und lacht, dass einem das Herz aufgeht. Vom fantastischen Habichtblick ist aber keine Ahnung zu erkennen. Je mehr ich versuche, ihr zu erklären, dass ich eigentlich den einzigartigen Geschwister-Bändiger-Blick auf Foto bannen möchte, desto mehr scheint sie mich mißzuverstehen und noch mehr zu strahlen und zu lächeln. Sie ist wie ein Filmstar im Blitzlichtgewitter! Einmal in der Linse des Fotographen gibt es nur mehr das Strahlen, das Lachen, den Blick mit dem man weiß, daß man die Herzen bezaubert!
Nach vielen, vielen Fotos muss ich mich schließlich geschlagen geben: Zohra ist ein Voll-Profi im Dauer-Strahlen! Ein Foto mit dem scharfen Dompteur-Blick kommt -so muss ich einsehen- nicht in Frage. Wenn ich schon Fotos von Zohra Sonne machen darf, dann unter ihren Prämissen: mit leuchtenden Augen und strahlendem Lachen.
Allerdings wirkt Zohra ein wenig erleichtert, als ich mich geschlagen gebe! Auch für sie war es sicher anstrengend, entgegen aller meiner Anweisungen ihre Filmstar-Mine aufrecht zu halten.
Am nächsten Tag, als ich mit Rosinen-Opa beim Tee sitze, starrt er gedankenverloren und in tief seine tausend Falten versunken in den Himmel, schüttelt sorgenvoll sein Rosinenköpfchen und reibt seufzend sein Faltenkinn.
-Meine Tochter ist wohl doch nicht so schön wie ich dachte,- murmelt er schließlich.
-Aber natürlich,- entgegne ich sofort, -sie ist wunderschön, und viele schöne Bilder habe ich von ihr gemacht.-
Er seufzt und sagt nichts mehr. Mir wird in Kürze aufgehen, welche verhängnisvollen Fehler ich Unwissender begangen habe, die mein weiteres Schicksal völlig verändern sollen. Im Moment bin ich noch etwas verdutzt über Rosinen-Opas schlechte Laune.
Als wir hier sitzen und vor uns hin starren und ich versuche, meine Gedanken zu ordnen, fällt mir etwas ein, das ich im Herbst 2003 gehört habe, als ich das erste Mal im Vallee de Dades war, mit meinem Freund und Globetrotter Tom Hatlestad.
Wir waren mit einem Leih-Landrover samt Chauffeur unterwegs und übernachteten tief im Dades-Tal, wo der Fels zu beiden Seiten steil auf 1000 m anstieg.
Am Grunde des Tales ist manchmal gerade einmal genug Platz für den Fluss und den Weg.
Manchmal ist es so schmal, dass der Fluss ein Stück über den Weg schwappt.
Manchmal ist noch genug Platz für ein kleines Häuschen und ein paar schmale Ackerstreifen.
In meiner Heimat am Sognefjord gibt es auch solche Stellen, nur ist es hier noch steiler, und die beiden Felswände sind manchmal nur wenige Meter von einander entfernt.
Man nennt diese Gegend Gorges de Dades.
Wir finden also eine Pension in diesem Tal zwischen den Felsenwänden, und reisen am nächsten Tag weiter die durch die Klippen hinauf, wo die Landschaft an den Grand Canyon in Arizona erinnert.
Als der Weg zu Ende ist, setzen wir in einem ausgetrockneten Flussbett fort und landen zum Schluss in einem Ort, wo glückliche und ausgelassene Kinder uns mit Äpfeln und Walnüssen begrüßen.
Wären wir weitergewandert hätten wir die berühmt-berüchtigte Ortschaft Imilshil erreicht, die weithin bekannt ist für den farbenprächtigen herbstlichen Hochzeits-Markt.
Hier treffen sich die Familien und diskutieren im Rahmen eines bunten Festes, bei dem alle ausgelassen in ihrem besten Gewand unterwegs sind. Der jugendliche Nachwuchs wird präsentiert und verglichen, Bedingungen auf den Tisch gelegt und Familienbande neu geknüpft.
Aber über den Hochzeitsmarkt später mehr!
Jedenfalls hörte ich hier die Geschichte von dem heiligen Mann,, der eine reiche Familie zum Schaf-Fest zu sich nach Hause eingeladen hatte.
Nachdem der Mann heilig war, durfte seine schöne, wohlgekleidete Frau -anderes als es sonst im Atlasgebirge üblich ist- in den Gästeraum kommen und das Essen auftragen.
Der fromme Gast, der von weither gekommen war, sah sie und sagte anerkennend: -Du hast eine sehr schöne Frau.-
Da stieg dem Gastgeber das Blut zu Kopf , er packte den armen Gast beim Kragen. Er schleifte den Verblüfften unter Zorngeschrei zur Tür hinaus (denn sein Haus war ja heilig und sollte nicht besudelt werden) und schlug ihm die vordere Reihe Zähne aus. Ich -ganz neu im Lande und noch mit der Lebensart hier völlig unvertraut- verstehe nicht, warum alle wissend und ernst-ergriffen nicken. -War der heilige Gastgeber denn ein wenig verrückt?- versuche ich zaghaft eine Deutung der Geschichte, die für die anderen ganz klar zu sein scheint.
-Natürlich nicht. Was hätte er denn tun sollen? Der Gast hatte ja gesagt, seine Frau sei schön.-
-Ja aber er wollte doch bestimmt nur höflich sein und seine Anerkennung zum Ausdruck bringen.-
-Ja verstehst du denn gar nichts? Er hat damit den Gastgeber wissen lassen, dass er seine Frau haben möchte!-
Während ich jetzt mit dem ungewohnt ernsten und schweigsamenRosinen-Opa auf der Terasse sitze und überlege, was ihm über die Leber gelaufen ist, sickert diese Geschichte langsam aus dem Schlamm meiner Erinnerung hervor. Den selben Fehler wie der zahnlose Gast habe ich also gegenüber Rosinen-Opa und Zohra Sonne jetzt auch begangen.
Ich hatte Rosinen-Opa wissen lassen, dass ich seine Tochter schön finde, sie sich in ihrem besten Staat vor mir präsentieren lassen, hunderte Fotos gemacht, und dann nichts weiter gesagt.
-Was für ein Glück für mich und meine zukünftigen Mahlzeiten von festerer Konsistenz als Suppe, dass dieser alte kampferprobte Krieger so eine hervorragende Selbstbeherrschung hat!- schießt es mir siedend heiß ein, als ich Rosinen-Opas verlorenen Blick zum Himmel jetzt neu und voll Scham betrachte.
Ich muss ihn schrecklich beleidigt haben, seine Tochter sich für mich herausputzen zu lassen und dann nichts mehr von ihr zu wollen!
Wahrscheinlich kommt mir ein wenig zu Gute, dass er sie wahrscheinlich in Wirklichkeit ungern weg-verheiratet hätte, denn schließlich ist sie die treibende Kraft im Haushalt und für ihn nur schwer entbehrlich!
Ich fühle mich jedenfalls wie mit Eiswasser übergossen und traue mich nichts zu sagen vor Scham und Schande, dass ich ihn habe glauben lassen, ich würde seine Tochter auf ihren Heiratswert überprüfen wollen und sei nach vielen Fotos zu dem Schluss gekommen, sie sei nicht schön genug für mich!
Nach einer langen Pause sagt Rosinen-Opa schließlich mit Überzeugung:
-Zohra passt nicht zu dir. Aber ihre Kusine, Saida, die passt zu dir. Allerdings wohnt sie bei ihrer Mutter in Tinghir.-
Das ist der Anfang von meinem neuen Schicksal.






Ein Tintenfass um 4000 Kronen. Wie habe ich mit Deinem Vater mitgefühlt beim Lesen, denn ich weiß um den Wert dessen, was man gerade braucht, wenn man malt und es nicht hat.
Im Antiatlas bin ich auch schon einmal gewandert, allerdings mit einer Gruppe und vor vielen Jahren.
Kaum zu glauben, dass hier niemand kommentiert hat. Die Geschichte ist einfach toll. Giocanda
Kommentar von giocanda — April 23, 2009 @ 3:34 nachmittags |
Danke fürs Mitfühlen! Ist mir auch so gegangen!
Also sind nicht so viele Kommentare zu erwarten gewesen!
Übrigens gibts zu den Geschichten ganz tolle Aquarell-Illustrationen, die eigentlich dazugehören! Ich muß meinen Vater erinnern, sie zu scannen und mir zu schicken, damit ich sie dazustellen kann!!
Mein Blog war ja bisher ganz privat und kaum besucht, außer von Freunden und Familie, die neugierig waren, was ich so tue. Ich habe ihn ja auch nicht beworben.
Aber jedenfalls erinnert mich Dein Kommentar, daß die Marokko-Geschichte noch 24 unübersetzte Kapitel hat! Ich sollte mir langsam das nächste vornehmen!!
Synve
Kommentar von synve1 — April 23, 2009 @ 3:59 nachmittags |
Tu das, schreib ihm. Jemand der so gut schreibt, malt bestimmt genau so gut.
Kommentar von giocanda — April 23, 2009 @ 4:29 nachmittags |
Hallo Synve! Bin zufällig hier gelandet und ganz begeistert. Die Bilder, wenn auch nur im Kleinformat hier, sehen wunderschön aus. Dein Vater muss ein beeindruckender Mensch sein und eine total junggebliebene Seele…
Kommentar von Viki — Juni 5, 2009 @ 9:47 vormittags |
Liebe Viki!
Ich freue mich sehr, daß du in den Blog geschaut und so lieb kommentiert hast!! Ja, mein Vater war schon immer ein faszinierender, vielseitiger Mensch voll bis zum Rand mit wahnwitzigen Geschichten, originellen Ideen und auch provokanten Ansichten! Es macht großen Spaß, seine Marokko-Geschichten zu übersetzen, nicht zuletzt wegen der vielen schönen Bilder! Ich habe übrigens versucht, sie größer in den Blog zu stellen, aber die nächste Größe ist leider doppelt so breit wie der Text und deshalb nicht wirklich praktikabel! Aber ich werde meine Vater bitten, einen eigenen Fotoblog mit seinen Bildern in bildschirmfüllender Größe anzulegen, den ich dann verlinken kann!
Ich hoffe übrigens, deine Fledermäuse waren ein großer Erfolg!!
Kommentar von synve1 — Juni 5, 2009 @ 10:59 vormittags |
Nå ligger en god del av aquarellene på denne siten: http://olavtegn.wordpress.com./ Det materialet som er i boka kommer etterhvert i sin helhet med med korte kommentarer, men også endel mer fra Marokko og så etter at jeg kom hjem nygift og nå snart 4 år uten at kona får komme til Norge.
Kommentar von Olav Lundgen — Juni 29, 2009 @ 9:11 nachmittags |