Blaamann
Skandinavische Bauernkinder haben oft die kleinen Lämmchen und Zicklein über den Sommer zum Aufziehen bekommen (kann sich noch jemand an Michel/Emil von Lönneberga und das kleine Ferkel erinnern??)- da kann man schon eine starke Bindung zu so einem Tier entwickeln. Trotzdem finde ich, daß es im Norwegischen besonders viele Lieder über Schafe und Ziegen gibt, die von Kindern aufgezogen wurden. Ich finde das sehr sympatisch.
Blaamann ist also eine Ziege, die mit ihrem Menschenkind viel Spaß hat, es in der Früh schon mit fröhlichem Meckern weckt, mit ihm spielt und um es herumhüpft… und eines Tages dramatischerweise verloren geht und schwer vermißt wird! So einer Jungziege kann in den norwegischen Bergen so einiges geschehen- wenn sie plötzlich wegbleibt ist das kein gutes Zeichen! Der Ausgang des Liedes bleibt gruselig-ungeklärt.
Wir lassen hier die Maultrommel die Ziege spielen- und die schlägt ganz wilde Kapriolen im ausgelassenenen instrumentalen Zwischenteil. (Unser Spitzname für dieses Stück heißt deshalb auch: Blaamann-Bossa)
Vuggevise
Untertitel: “Ein dramatisches Wiegenlied”. Wer sich schon einmal als Kind gegruselt hat vor der Zeile: “Morgen Früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt” ist ungefähr in der richtigen Stimmung für dieses Lied.
Es ist eine nordische Nacht im Herbst, der Wind pfeift ums Haus, und vermutlich auch durch die nicht ganz dichten Fenster. In den vier Strophen dieses hypnotischen Liedes versuche ich, in vier Stimmen zu singen: der Kinderstimme, der Jugendlichen-Stimme, der Erwachsenen-Stimme und der alten Stimme, um den Lebenskreislauf im Ostinato des Windes darzustellen. Ich hoffe, man spürt die kalte Brise.
Danse min vise
Ein Lied voll eigentlich banaler Lebensweisheiten wie: Die du liebst, kriegst du eh nicht; ob reich ob arm, am Ende kann keiner etwas mitnehmen, und so weiter. Aber durch die süß-sauren Lebensbanalitäten leuchtet die typische skandinavische Seele- immer etwas wehmütig, aber das mit Vergnügen und innerer Überzeugung, sowie einer großen Leichtigkeit des Seins und Toleranz für die Mitmenschen. “Tanz mein Lied, weine meine Seele”, heißt der Titel übersetzt.
Kraakevise
Ein Aufschneiderlied eines Betrunkenen am Stammtisch, der vor den Kumpels rechtfertigt, daß er den ganzen Tag nichts getan hat als eine Krähe zu schießen, wo ihn doch seine Frau gescholten hat, daß er Holz hätte rücken sollen! Er steigert sich bei seiner Erzählung immer mehr in Lügengeschichten hinein. Erst habe ihn die Krähe bedroht, ja bestimmt umbringen wollen- Da sei er aus dem Wald geflüchtet- doch seine unerbittliche Frau hat ihn wieder zurückgeschickt! Unter Aufbietung aller Manneskräfte habe er das mordlustige Tier im letzen Moment noch erlegen können und 10, nein 12 schwere Arbeitspferde haben die Krähe kaum heimschaffen können! Aber dann ging das fantastische Tagwerk erst los: Denn aus der Krähe wurden tonnenweise Salzfleisch, die Zunge wurde zum Familien-Weihnachtsbraten, aus der Haut machte er 12 Paar Schuhe (das beste davon für seine liebe Mutter), und letztendlich landete der Schnabel auf der Kirche als neue Kirchturm-Spitze!
Gelobt sei also die Frau, die so einen großartigen Mann hat, der eine derartige Krähe nicht nur erlegen sondern auch noch unglaublich nutzbringend verwerten kann!
Mass og Lasse
In diesem traditionellen Lied kommen schon wieder Betrunkene vor, fürchte ich! Diese hier ziehen angebend aus, um einen Bären zu erlegen, und werden im Laufe der Geschichte (vom fortwährenden Alkoholkonsum) immer ausfälliger und aggressiver, bis es ein Unglück nach dem anderen gibt- so geht es nicht nur dem Bären an den Kragen sondern auch einem harmlos im Weg stehenden Hund und schließlich auch noch dem armen Lasse. Also eine Art altertümlicher Warnung: “Don’t drink and drive/hunt!!”
Eg ser deg utfor gluggen
Ein Lied über das “Fensterln”. Solche haben wir ja im deutschen Sprachraum auch! “Wie komm ich denn zur Tür herein”, usw. Das dürfte eine international beliebte Abendgestaltung vor der Erfindung des Fernsehens gewesen sein!!
Hier werden alle klassischen Szenarien durchgeackert: Das scheinbar in seine Spinnarbeit völlig versunkene Mädchen versichert ihrem stetig mißtrauischer werdenen Vater immer wieder, alles sei noch in wunderbarster Ordung, während sie durchs Fenster ihrem Liebsten Anweisungen gibt, wie und wann er am besten einsteigen kann.
Ja, Spannung erhöht die Freude am Zusammenkommen, oder??
Stolt Marjit
Ein gaaaanz wildes Lied! Alt wie die Sünde selber und mittelalterlich-grausam, samt des wenig tröstlichen “christlichen” Schlusses! Bruder Olav macht seiner Schwester Avancen. Als diese vehement abwehrt, denunziert er sie beim König als Hexe. Sie landet auf den Scheiterhaufen und als sie lichterloh in Flammen steht, sendet Gott zwei Engel, die sie in den Himmel holen. Also das Ende tröstet zumindest mich nicht besonders!
Eg gjekk meg opp til saeterli
En sehr entschlossener Bursche wird zwar vom Mädchen deutlich abgewiesen, aber als er schließlich doch eines Samstagabends zu ihr auf den Berg steigt (man muß in Norwegen schon mit langen Wegstrecken rechnen, will man freien gehen) nimmt sie ihn doch ganz reizend in Empfang und kocht im viel zu heiße Römmegröt (traditionellen Rahmbrei, ein Bauernfestessen aus Rahm, Milch, Butter und Mehl, samt dazugereichtem Speck )
Ich singe dieses Lied in zwei Stimmen- Er und Sie natürlich. Sie ist kapriziös, er ist feurig-entschlossen!!
So ro godt barn
Noch ein Wiegenlied, in dem es unter anderem um Schafe geht. Gut, in Wiegenliedern sind Schafe auch in anderen Ländern sehr populär. Warum das so ist, ist mir nicht ganz einleuchtend, denn Schafe können einen ganz schön wach halten, wenn sie wollen- oder in kalten Winternächten früh und hungrig aufwachen!!!
Elland og huldra
Ein Dialektlied über Elland, der in der wildromantischen norwegischen Natur auf ein Trollmädchen, eine sogenannte Huldra trifft, die ihm sehr unzweideutige Angebote macht!
In diesem Lied können sich die Musiker so richtig austoben, denn es hat eine traditionelle Melodie wie die knorrigen Tanzlieder, zu denen man sich bei einer Bauernhochzeit im Kreis dreht, bis man nicht mehr weiß, wo oben und unten ist. Genauso wie es Elland mit der Huldra geht!
Solveigs Sang
Solveig, die ihr Leben lang auf Per Gynt wartet, weil sie ihm das in der Jugend versprochen hat, ist wohl der Urtypus der wahrhaft liebenden Seele, von der wohl jeder von uns gerne geliebt werden würde. Nur- typischerweise erwischen die Solveigs dieser Welt scheinbar immer die unwürdigen Per Gynts, die inzwischen in der ganzen Welt ein Lotterleben führen und die tiefe Treue der Zurückgebliebenen nicht zu würdigen wissen.
Wir haben versucht, aus Griegs Kunstlied wieder das Lied herauszuarbeiten, das Solveig wirklich gesungen haben könnte- mit den Verzierungen, die man in den skandinavischen Bergen singen würde, nicht der romantizierten (natürlich auch sehr schönen) Version von Grieg.
Kjerringa med staven
Eine berühmte traditionelle Melodie, die sich hervorragend für die wilde Hardangerfiedel eignet! Eigentlich ein ziemlich grobes Schmählied auf ein altes Weiblein, das in den Bergen lebt. Der darin empfohlene Umgang mit Frauen ist nicht mehr ganz politisch korrekt, denn als das schwer mit Säcken beladene Weiblein in den Bach fällt, bekommt sie dafür nicht nur Schläge sondern wird auch noch ausgelacht, als sie schreit! Naja, es ist ein altes Lied.
Eg gjette Tulla
Hier noch ein Lied über ein geliebtes Schaf. Dieses hier ist schon 15 Jahre alt und in aller Liebe für das ein Leben lang betreute Tier doch ziemlich seelisch-abgebrüht- wie es die Bauernkinder oft werden, wenn sie im ständigen Zyklus von Leben und Tod aufwachsen. Denn am Ende der 15 guten Jahre mit Tulla wird sie für wenig Geld verkauft – und es bleibt von ihr nichts als ein kleiner roter Fleck in der Wiese. So ist das Leben auf dem Bauernhof.