Synve’s Blog

Mai 27, 2009

12. Kleine Lastwagenchaufeure

Einsortiert unter: 1,Marokkanische Tage — synve1 @ 9:10 nachmittags

Illustrasjon 11

Es schneit wieder einmal und ich fahre höher in die Berge hinauf, um dieses seltene Schauspiel genießen zu können. Auf dem Weg treffe ich ein paar fröhliche Schulkinder, die winken und lachen. Sie tragen bündelweise Schnee in den Armen, den sie mit großem Appetit essen. Hier gibt es wohl keine Mütter, die von ihrer Mutter schon 1000 mal gehört hat, daß man keinen Schnee essen darf, weil man davon Würmer im Magen bekommt?

Mitten auf der weißen Mittellinie der Straße hat sich ein freundlich lachender Schneemann aufgebaut. Ein paar kleine Mädchen hüpfen in Jesussandalen ohne Socken um ihn herum. Die Berber nennen sich das “freie Volk” Vielleicht besteht ihre Freiheit darin, ohne Mütze, Schal und Socken im Schnee herumlaufen und soviel Schnee essen zu dürfen wie sie nur wollen. Und zwischen den Autos Fußball zu spielen und Schneemänner nach Belieben mitten auf der Straße zu bauen.

Ich erinnere mich an einen Herbsttag in Sognsvann in Oslo. Ich, meine Frau und mein vierjähriger Sohn Nils gingen am See spazieren und es war eiskalt. Plötzlich hatte Nils Lust, baden zu gehen. Ich war immer schon dafür bekannt, eine lockere Hand in der Erziehung zu haben und glaube an den Wert, Kinder eigene Erfahrungen machen zu lassen, statt sie zu lehren, nur auf übertragene Weisheiten der Altvorderen zu vertrauen.

-Bitteschön,- sagte ich, -geh schwimmen, – und er zog sich nackt aus und warf sich ins Eiswasser.

Eine Familie mit kleinen Kindern kam vorbei.

-Oh! Was der für ein Glück hat!- sagten die Kinder neidig, gut eingepackt in warme Kleidung, aber unfrei an der Hand ihrer Eltern.

Nils ist übrigens nicht krank geworden, nach der Schwimmtour. Aber er wußte danach, warum man normalerweise im Winter eher nicht im Freien schwimmen geht, wenn es irgendwie zu vermeiden ist!

Soviel Glück hatte eine Tante von mir nicht, deren traurige Geschichte mir und meinen Geschwistern oft als Lehrbeispiel erzählt wurde. Angeblich war sie so dumm, trotz des ausgesprochenen Verbots, vor dem ersten Kuckucksschrei (also vor dem Tauwetter) auf einem Stein zu sitzen. Natürlich wurde sie promt lahm davon und starb nach jahrelanger elendiglicher Bettlägrigkeit. So kommt es, wenn man nicht auf die Erwachsenen hört, die schon wissen, was sie einem verbieten, auch wenn man es vielleicht nicht versteht!!

Am Heimweg nach der Begegnung mit den schnee essenden Schulkindern und dem Schneemann-Verkehrspolizisten treffe ich Lhassen, meinen Freund und Helfer. Wir passieren eine Prozession von Frauen, die in Schwarz und Silber gekleidet sind.

-Ein alter Mann ist in der Nacht gestorben,- sagt Lhassen, -gestern hat er gehustet und heute ist er erfroren gewesen. Er hatte eine große Familie und war 104 Jahre alt. -

Aus einem schwarzen Minibus ergießt sich eine schwarz-silberne Flut.

-Das sind die Klageweiber,- sagt Lhassen. Auf ein unsichtbares Signal heben sie plötzlich alle die Arme und brechen in Jammergeheul aus. Da fallen auch die Verwandten mit in das Gewammer ein, weinen und ringen die Hände. Es ist so ansteckend, daß ich all meine Kraft zusammenreißen muß, um nicht mitzuheulen!

-Gottes Wege sind unerfindlich, Insch Allah,- philosophiert Lhassen fatalistisch.

Dieses Talent, alles als Teil von Gottes großem Plan anzusehen, muß es sein, was diese Menschen dazu bringt, ihr armselig und traurig wirkendes Leben auszuhalten.

Wir hören “Allah Akbah”: Gott ist groß, und “Bismilla rakhmani rakhim”: Lob sei Gott, dem Barmherzigen und Gnadenreichen.

Voltaire zerlegt diese Einstellung, daß alles am besten so sei, wie es eben sei (die Welt ist die beste aller möglichen Welten) in seiner köstlichen Satire “Candide” bis ins absurdeste Detail.

Ich denke auch an den frommen Tevje in “Anatevka”, der Gott fragte, ob es wirklich seinen Plan extrem stören würde, wenn ein kleines Mädchen im Winter Socken und Schuhe haben könnte statt barfuß laufen zu müssen!

Ich traue mich das hier nicht zu erwähnen, denn die Leute hier sind so aufrichtig fromm ohne jeden Gedanken an Zynismus. Sie nehmen Gott und den Glauben ungemein ernst.

Als die Berber von arabischen Missionaren bekehrt wurden, vor mehr als 1000 Jahren, sandten die Stammeshäuptlinge ihre Söhne eifrigst nach Kairo in die Koranschule.

Über einen neuen Prediger in meiner Heimatkirche in Höyanger wird berichtet, daß er einen Blick über seine neue Gemeinde warf und mit Donnerstimme ausrief: -Ja, hier hat ja der Satan das Volk im Würgegriff!-

Niemand könnte so etwas über die Berber in Vallée de Dades sagen.

Die Helden des Alltags sind hier die Lastwagenchaufeure. Sie sind die Vorbilder der Jugend. Sie bringen Tabak, Gasflaschen, Opfertiere, Zucker und Olivenöl ins Dorf. Von meinem Hotelfenster aus kann ich die kleinen Buben mit ihren selbstgebastelten Lastwagen spielen sehen. Sie haben sich für ihre Spielzeugautos Straßen gescharrt und sie mit kleinen Steinchen umrandet.  Die Autos sind zusammengebastelt aus allem, was man so an Abfall entlang der Straße finden kann. Ihr Mechaniker-werkzeug sind Steine und Feuer. Zum Zusammenbauen dient Schnur und Draht. Die Enden einer Coladose ergeben wunderbare Räder, auf die man Reifen aus Stofffetzen und Schnur montieren kann. Die Spielzeugwägen haben sogar eine Fernsteuerung! Ein fester Draht ist am einen Ende mit der Lenkung verbunden und am anderen Ende mit der Vorderradachse. Dieser Draht endet in einem langen Stab, mit dem man die Autos wunderbar über die Straßen lenken und dabei aufrecht gehen kann! Als Karosserie dient eine leere Plastikflasche oder eine Sardinendose, je nachdem, ob es einen Tanker oder einen Lastwagen darstellen soll. Zwei Räder hintereinander ohne Corpus ergeben natürlich ein Motorrad- es fährt auch etwas schneller und klingt viel gefährlicher als die Lastwägen.

Das Lenksystem funktioniert wunderbar und ist viel würdiger anzusehen als wenn unsere Kinder mit ihren Autos am Boden herumkriechen. Hier hat man volle Kontrolle über sein Fahrzeug, ohne sich bücken zu müssen. Sein Lenkrad hat man ja quasi auch selbst in der Hand. Trifft man ein entgegenkommendes Fahrzeug auf der Spielstraße, hupt man anständig, läßt den Motor absterben, und die Chaufeure nehmen sich etwas Zeit, um sich Neuigkeiten zu erzählen, bevor man weiter seiner Wege fährt. So geht das Stunde um Stunde, gerne auch den ganzen Tag. Die Autos sind einfach genial. Sie sind sogar viel besser als unsere westlichen ferngesteuerte Autos.

Ich habe das mit meinem Sohn probiert: Entweder die Fernsteuerung macht Mätzchen oder die Batterie ist plötzlich aus, jedenfalls tun die Dinger nicht lange das, was man ihnen anschafft und machen dafür stundenlang nur Probleme. Und kaputt sind sie auch immer gleich! Nichts als Frust und Ärger und schließlich ein weiteres Gerümpel mehr im Keller!

Ein kleines Mädchen sieht den herrlichen dichten Lastwagenverkehr und hüpft fasziniert den steilen Steinhang hinab zu den Erdhäusern unterhalb. Ein großer Junge kommt ihr entgegen, packt sie plötzlich, wirft sie sich wie einen leeren Sack über die Schulter, und läuft mit ihr zum Haus, wo er sie freiläßt. Sie jagt ein Huhn ein wenig durch die Gegend, tätschelt den Hund, und dann laufen sie wieder hinauf zu den Lastwagenchaufeuren.

Wie herrlich sinn- und ziellos die Kinder hier herumtoben, an diesem eisigen Wintertag.

Ich bin wohl der einzige, der hier friert, in meinem Bett mit Aussicht auf die Spielstraßen. Ich liege hier mit Mantel und Mütze und unter einem ganzen Stapel von Decken. Ich bin wohl der einzige hier im Tal, der Elektrizität hat, einen Ofen im Zimmer und sogar warmes Wasser. Aber ich friere.

Unten am Bach sehe ich Frauen ihre Wäsche spülen, mit nackten Armen im Eiswasser. Die Wäsche hängen sie zum Trocknen über die Lorbeerbüsche am Bachbett. Bei minus  fünf Grad haben die meisten Palmen den Geist aufgegeben. So etwas sind sie nicht gewöhnt.

Ich entscheide mich für eine warme Dusche und finde die Wasserleitungen des Hotels eingefroren vor. Ich bestelle mir statt dessen ein warmes Abendessen bei Ibrahim, dem Hotelbesitzer. Als er serviert, hat er wieder eine Geschichte von Glaoui, dem Verräter für mich. Sie eignet sich leider gar nicht, um Kälte zu vertreiben:

Eines Tages sah Glaoui eine Jüdin, die mit einem ungewöhnlich schönen kleinen Mädchen spazieren ging. Damals, in der Zwischenkriegszeit, wohnten Araber und Juden Seite an Seite. Einige Namen und Ortsnamen bezeugen das noch immer. Rachid, mein arabischer Freund aus Norwegen, wurde neben einer Mosché geboren und hatte als Kind jüdischer Freunde. Er sagt, daß die Amerikaner verlangt hätten, daß alle Juden nach Israel ziehen sollten. Viele Juden traten, extra um bleiben zu dürfen, zum Islam über, sagt er.

Aber zurück zu Ibrahims unterkühlter Glaoui-Geschichte:

-Komm her mit dem Mädchen,- sagt Glaoui zur Mutter. Diese getraute sich nicht zu widersprechen und kam.

-Vertraust du mir?- fragte er das Kind, das ihn unschuldig ansah. Es lächelte: “Ja.”

-Dann schau mir tief in die Augen und blinzle nicht,- sagte er.

Glaoui nahm eine Nadel in jede Hand und trieb beide dem Mädchen mit einem Stoß direkt in die Augen:

-Niemand darf mir vertrauen, besonders nicht schöne Mädchen,- erklärte er kühl.

Die Mutter aber fiel auf die Knie und dankte Gott, daß sie so billig und mit dem Leben davongekommen waren. Wenn es um seine eigenen Drohungen ging, war Glaoui ein Mann, auf den man sich verlassen konnte.

Man sagte, er liebte die Wahrheit, und wollte keine anderen Schätze als die, die er sich selber nahm. Die Ärmsten ließ er meist in Ruhe, denn dort gab es ja nichts zu holen. So sagt man. Aber die Schönheit dieses Mädchens hatte er sich nehmen wollen.

Jetzt friert mir noch mehr.

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