Kreuzfahrschiffe der Zukunft sind schwimmende Wal-Gärten
Schiffe sollen auf ihren Flusstouren mehr Energie liefernals verbrauchen und gleichzeitig das Wasser säubern
Wie ein riesiger Wal sieht das Kreuzfahrtschiff der Zukunft auf den Illustrationen des belgischen Architekten Vincent Callebaut aus. Wegen seiner lang gezogenen, geschwungenen Form soll es ohne großen Widerstand durch Flüsse treiben, in aller Ruhe und mit einem höheren Auftrag. Mit dem Modell Physalia will Callebaut nicht nur zeigen, wie wenig Treibstoff große Schiffe verbrauchen müssen, sie könnten während der Fahrt auch gleich die Flüsse säubern.
Grundlage für das Modell ist die Bionik, die Kombination aus Biologie und Technik: Der Designer hat sich in der Tierwelt umgesehen und Physalia physalis, die Portugiesische Galeere, für sich entdeckt. Die Eigenschaften dieser Quallen, genauer gesagt der Gattung Seeblasen, hat er auf sein Schiffsmodell übertragen und die ungewöhnliche Bootsstruktur entwickelt.
Eine Besonderheit der Physalia: Sie soll auf ihren Touren mehr Energie produzieren als verbrauchen. So stellt es sich zumindest Designer Callebaut vor. Das Dach besteht aus einer doppelten Membran, eingearbeitet sind feine Solarzellen, um die Motoren zu betreiben. Außerdem sitzen unter dem Rumpf Hydro-Turbinen, die den Wasserstrom während der Fahrt ausnutzen und ihn in Antriebsenergie umsetzen.
Sollte die Technik funktionieren, hätte Callebaut die Schifffahrt um einen Ansatz, Treibstoff zu sparen, erweitert. Andere Unternehmen wie die niederländische DK Group wollen Kompressoren einbauen, die Luftblasen am Rumpf hochsteigen lassen. Das verringert die Reibung mit dem Wasser deutlich und könnte helfen, den Treibstoffverbrauch um zehn Prozent zu verringern. In der Planung sind auch supraleitende Elektromotoren, die das Gewicht des Schiffes um etwa 30 Prozent reduzieren könnten, sowie der Großeinsatz von Wasserstoffmotoren. Einige Forscher basteln sogar an Flossen, die durch Auf- und Abbewegungen selbst große Tanker effizienter auf Fahrt bringen sollen als Propeller. Mit seinem Physalia-Projekt geht Callebaut deutlich darüber hinaus.
Ein wenig mehr könnte eine große Flotte Physalias liefern – hofft Callebaut. An Bord ist ein mehrstufiges Filtersystem, um das durchfahrene Schmutzwasser zu reinigen. Eine hydraulische Pumpe drückt das Wasser auf das Dach. Dort bleibt es den Pflanzen überlassen, es zu reinigen. Außerdem ist die Stahlstruktur des Rumpfes mit Aluminium überzogen, durchsetzt mit Nanoteilchen aus Titandioxid. Das Material reagiert unter Einstrahlung ultravioletten Lichts, das einen Teil des Sonnenlichts ausmacht, und reinigt das Wasser.
Titandioxid klingt gefährlich, ist aber verträglich, es steckt nicht nur in Farben als Weißmacher, sondern auch in Kosmetika und Lebensmittel. In den meisten Fällen allerdings produziert es bei seinen chemischen Prozessen nicht nur Sauerstoff. Ein Nebenprodukt ist zudem Kohlendioxid. Das müssten dann aber wieder die Pflanzen zugeführt bekommen, ansonsten geräte die Energiebilanz der Physalia beträchtlich in Schieflage.
(Text aus www.Welt.de)
