Endlich wieder ein Erlebnis, das mich zum Schwärmen bringt:
Ich habe mir gestern, 30. 01. 2010 Bellinis Oper “I Puritani” in der Staatsoper angeschaut.
In der Rolle der Elvira die einfach unglaubliche Edita Gruberova, die ja ja schon geradezu seit Generationen fasziniert und einfach mühelos noch immer alles andere Denkbare in den Schatten stellt!
Sich der Tatsache bewußt, wie lange ihre Karriere nun schon dauert, war ich die ersten zehn Minuten schlichtweg tief beeindruckt, wie unerändert jugendlich die Stimme noch immer ist. (Unfairerweise geht es ja bei Frauen mit der Stimme mit zunehmender Reife eher bergab)
Aber spätestes ab der ersten Minute der ersten Arie wird jede Spekulation über gut erhaltene Stimmen unwichtig, denn eine ungeheuer spannende Bühnenperson formt hier jede Phrase so haarsträubend riskant anders, deutet die Verzierungen und Koloraturen zu spontan empfundenen Emotionen um und legt Inhalte und Details in Stellen, die sonst einfach die üblichen (schönen) Belcanto-Spaghetti wären. Von dem, was sie macht, was sie sich traut und mit welcher Natürlichkeit sie Rolle, Stück und Partie dominiert, kriegt man die Gänsehaut. Da bleibt dem ganzen Saal kollektiv der Atem stehen, wenn sie mitten im Lauf plötzlich die Koloratur anhält, durchs Publikum blickt, ihm das Herz umdreht und mit Furore von oben wieder einsetzt. Wenn es nicht gleichzeitig tolles und ehrliches Schauspiel wäre, müßte man es unter David-Copperfield-Tricks einreihen, wie sie das Publikum ganz gezielt zum Kochen bringt!!!
Die Frau ist ein Phänomen. Da erübrigt sich jede Diskussion über ihr Alter. Sie braucht den Vergleich mit jüngeren Sängerinnen nicht. Ihr dargestelltes Bühnenalter ist absolut glaubwürdig, und ihre Leistung derart faszinierend, daß sie souverän über solchen Banalitäten wie Alter stehen kann.
Den Arturo sang übrigens Shalva Mukeria mit müheloser und schöner Höhe, was bei dieser Rolle und den dauernden und gefürchteten Sprüngen in höchste Höhen wirklich eine bemerkenswerte Leistung ist.
Boaz Daniel hatte sich als erkrankt ansagen lassen, sang sich aber dann doch noch sehr gut ein, sodaß besonders sein Duett ein Genuss war.
Christof Fischesser als Sir Giorgio zeigte eine sehr schöne Baßstimme.
Der wunderbare Staatsopernchor sang äußerst differenziert und präsent.
Etwas verwunderlich war das Bühnenbild im letzten Akt: Ein Wald von tiefhängenden Ikea-Lampen über Herbstlaub.
Mit dieser Metapher konnte ich nicht viel anfangen und sie irritiert mich leider noch immer.
Sollten das gar Suchleuchten sein, mit denen sich Elvira und Arturo im Wald zu orten trachten? Wenn ja, dann wäre das meiner Meinung nach eine ziemlich banale Andeutung. Leider fällt mir aber keine bessere Interpretation der Lampen ein.
Bei genauerer Betrachtung war allerdings auch die Metapher im ersten Bild banal: Riesenstatuen mit abgeschlagenen Königsköpfen als Symbol für das Köpfen des King Charles. Wie kreativ und durchdacht!!!
Zum Glück waren durch die großartige Leistung der Gruberova und die sehr wohlklingende Unterstützung durch den Rest des Ensembles Kleinigkeiten wie das Bühnenbild leicht ignorierbare Kinkerlitzchen!
Das Publikum hat jedenfalls getobt wie selten je. Die Schlußvorhänge habe ich erst gezählt, als bereits das Licht abgeschaltet wurde. Noch fünf mal mußten sie es doch wieder einschalten, um dem aufgewühlten Publikum nochmals die Gelegenheit zu geben, sich die Hände wundzuklatschen und die Seele aus dem Leib zu schreien.
Eine so pulsierende Begeisterung habe ich in der Oper lange nicht mehr erlebt!!!